 |  | | Titel: | Die Vermessung der Welt |  | | Untertitel: | | | Anmerkungen: | Gebunden | | Autor: | Daniel Kehlmann | | Verlag: | Rowohlt Verlag | | Ort: | | | Jahr: | 2005 | | Veröffentlichungsdatum: | 2005-09-02 | | Veröffentlichungsort: | | | Seiten: | 304 Seiten | | Preis: | 19,90 EUR | | ISBN: | 3498035282 | | Der Autor im Internet: | | | Der Verlag im Internet: | | | Rezensent: | Claudia Schulmerich | | Kontakt: | redaktion@rezension.net | | Quelle: | Rezension.net, www.rezension.net | | |
| Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt | Die kongeniale Geschichte zweier Genies, die sich nur im Roman treffen | | | Genie und Wahnsinn ist der geheime Untertitel des Werkes. Wäre es nach den Literaturkritikern gegangen, keine Frage, der deutsche Buchpreis wäre Daniel Kehlmann zugesprochen worden. Ein Geniestreich, an dem alles stimmt und nichts zu deuteln ist. Sollte tatsächlich gegen das Buch vorgebracht worden sein – wie kolportiert wurde – es nähme ernste Dinge nicht ernst genug? Es sei zu humoristisch und fiktiv in einem Bereich, wo nur Wissenschaft zu Hause sein dürfe. Zu gut konstruiert und formuliert und damit zu perfekt? Nein, man mag’s nicht glauben. Aber der Deutsche Buchpreis wird eben nicht nur von Literaturkritikern vergeben. Dennoch, die Behauptung sei gewagt, wird dieses Buch die höchsten Verkaufsziffern der sechs „besten Romane„ bringen, denn in Wahrheit sind ja auch Kritiker nur zu solchen geworden aus der eigenen Leselust heraus. Dieses Buch ist nämlich in weiterer Wahrheit das Buch für Leser, denn Kehlmann verführt zum Lesen und läßt einen vom ersten Satz an nicht mehr aus den Schraubzwingen der gedanklichen Konstruktion, die er dazu in einem Erzähldeutsch bietet, das sprachlich adäquat ist: Kurze, prägnante Sätze mit einer Folge von wunderbarer indirekter Rede und Konjunktiven, die man der deutschen Sprache schon verloren glaubt.
Worum es geht? Um das fiktive Zusammentreffen des Alexander von Humboldt mit Carl Friedrich Gauß 1828 in Berlin. So zumindest beginnt dieser Roman, der dann die Lebensgeschichte beider im 18. Jahrhundert anhand ausgewählter Reisen und Forschungen/ mathematischer und physikalischer Erfindungen detailliert je nach Person begleitet. Das einzig Problematische bleibt beim Weiterlesen, daß das neue Kapitel nun wieder die handelnde Person von Gauß zu Humboldt und umgekehrt wechseln läßt, so versessen haftet der Leser am jeweils Dargestellten. Ein Buch, das sich von selber liest und aus dem über die Lese- und Sprachlust hinaus auch noch viel zu lernen ist – für diejenigen zumindest, die wissenschaftlich nicht auf der Höhe der Erforschungen und Erfindungen des 18. Jahrhunderts sind, was wohl für die meisten gilt. Zwar bleibt die Sprachform bei den Darstellungen und Handlungsabläufen beider gleich, aber das Wunderbare ist, wie der Leser bei gemeinsamer Ausgangslage - nämlich, daß es sich hier um ungewöhnlich begabte und hochmotivierte Menschen handelt, die wir gemeinhin als Genie bezeichnen und zugeben, daß ohne eine gewisse Halsstarrigkeit und einen leichten Irrsinn die wissenschaftlichen und naturkundlichen Ergebnisse nicht zu haben sind -, dann das psychologische Differenzieren beider Personen beginnt. Ob dies der Wahrheit entspricht? Vieles spricht dafür, daß von beiden Humboldt der sozial Verantwortlichere war, derjenige zumindest, der wußte, warum er andere quälte, mit ihm die anstrengenden Reisen durchzustehen. Ein tatkräftiger, in seinem Entdeckungswahn leicht naiver Mann tritt einem da entgegen, für den der Leser zunehmend eine Form von Zärtlichkeit und Schutzbedürfnis empfindet, weiß dieser sich doch selbst nicht zu helfen. Ganz anders die Statur von Gauß. Dieser fällt trotz einiger Schicksalsschläge immer wieder auf die eigenen Füße, weiß seine Interessen also zu wahren, teilt heftig aus, je näher ihm jemand steht, desto deftiger. Dennoch bleibt er von beiden der Reflektierendere. Er sieht die Gesellschaft, ihre Antriebskräfte und sein eigenes Dazutun immer wieder von außen her und kann so die notwendige Distanz zu vielen Demütigungen und der Situation, geistig völlig allein zu stehen, aufbauen. Nicht verschwiegen werden soll Humboldts Reisegefährte Bonpland, der den menschlichen Part des Zweifelnden, Frierenden, Ängstlichen übernimmt gegenüber dem disziplinierten und abgehobenen Forscher. „Bonpland stellte fest, daß er eigentlich aus drei Personen bestand: Einem, der ging, einem, der dem Gehenden zusah, und einem, der alles unablässig in einer niemandem verständlichen Sprache kommentierte.„ (S. 175) Er reflektiert die gemeinsame Sache, wozu Humboldt unfähig ist und bleiben muß, sonst wäre er mitten auf dem Orinoko umgekehrt, hätte er gewußt und eingesehen, auf was er sich da einläßt. Ein weiterer Bonplandsatz: „Wer weit reise, sagte er, erfahre viele Dinge. Ein paar davon über sich selbst„, worauf folgt: „Humboldt bat um Entschuldigung. Er habe leider nichts verstanden. Der Wind!„(S. 180) Es könnten hier weitere Sätze zitiert werden, die sich in jedem Poesiealbum auszeichneten. Der ganze Roman besteht aus zitierfähigen Aussagen, die man selbst weiterdenken kann. Es ist mir sprachlich wirklich nur eine einzige Kleinigkeit aufgefallen, die zudem zu Lasten des Lektors geht: „Er meine es ernst, sagte Humboldt. Doch nicht wirklich, sagte Bonpland.„ (134). Diese aus dem Englischen übernommene platte Übersetzung ist derzeit eine deutsche Modefloskel, zuvor nicht existierend. Und dies ist auch nicht beckmesserisch gemeint, sondern eher – wenn’s mehr nicht ist - als Kompliment an Autor und Verlag gedacht in einer Zeit, wo die sprachliche Ausdruckskraft und Sprachgenauigkeit so ins Schludern gekommen ist.
Die eigentliche Leistung des Autors Kehlmann, - 1975 in München geboren, heute in Wien lebend und mit „Ich und Kaminski„ und anderen Werken längst ein erfolgreicher Jungautor -liegt in meinen Augen darin, daß er die Aufklärung mit deren eigenen Waffen fortführt. Was sind uns Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß heute? Zwei Wissenschaftler, Klassiker in ihrem Metier, vor denen Hochachtung und Nichtwissen den normalen Bildungsbürger beschleicht – wobei man hinzufügen muß, daß dies Buch entstand bevor Hans Martin Enzensberger bei Eichborn sein fulminantes Alexander von Humboldt Buch herausgab und von Gauß gerademal die Gaußsche Normalverteilung im Sprachgebrauch übrig geblieben ist. Diese Geistesheroen holt Daniel Kehlman von ihrem Sockel, den wir ihnen errichtet haben. Getreu der Maxime, jemanden vom Kopf auf die Füße zu stellen (auch das ein aufklärerischer Impetus), gelingt es dem Autor, seine Protagonisten in ihrem Lebenszusammenhang und ihrem Lebenswahnsinn als Menschen zu zeigen, die rücksichtslos – auch sich selbst gegenüber – ihrem wissenschaftlichen/aufklärerischen Verlangen folgen, keine Zumutung ausschlagen, keine Gemeinheit, so sie dem Werk dient, auslassen. Ein inhaltlich wie formal überzeugendes Buch. Kaufen und Lesen. | | | | Letzte Änderung: | 2005-11-04 | | Bewertung: | | |  |  | |