Titel:Und ich schüttelte einen Liebling
Untertitel:
Anmerkungen:Gebunden
Autor:Friedericke Mayröcker
Verlag:Suhrkamp Verlag
Ort:
Jahr:2005
Veröffentlichungsdatum:2005-08-00
Veröffentlichungsort:
Seiten:237 Seiten.
Preis:19.80 EUR
ISBN:3518417096
Der Autor im Internet:
Der Verlag im Internet:http://www.suhrkamp.de
Rezensent:Claudia Schulmerich
Kontakt:redaktion@rezension.net
Quelle:Rezension.net, www.rezension.net
 

Ein Roman von Friedericke Mayröcker, Und ich schüttelte einen Liebling

Das literarische Abschiednehmen vom Gefährten Ernst Jandl

 
Protest. Protest dagegen, dieses wunderschöne poesievolle Werk der Dichterin Mayröcker in den Katalog der auszuwählenden Romane überhaupt aufgenommen zu haben. Dieser literarische Abschied vom uns allen unvergessenen Ernst Jandl ist eine so eigenständige Dichtung, die in einen Parcours der zu vergleichenden Romane einfach nicht hineingehört, damit nichts gemein hat, so wie es der Kuchen war, den die französische Königin Marie Antoinette aus Wien den revoltierenden Pariser Hungernden anbot, als diese nach Brot schrieen. Es paßte nicht, obwohl es das Bessere war. Die anderen Romane sind das Alltagsbrot des Lesers, der geschüttelte Liebling der Kuchen zum Sonntag. Friedericke Mayröcker gehört mit diesem Buch ein Sonderpreis der Poesie-, Sprach- Mayröcker- und Jandlliebhaber und wir sollten alles dafür tun, daß sie einen solchen erhält. Weil ihre Erinnerungen an die Zeit mit Jandl und viele Reflexionen, Träume, erinnernde Gespräche, schriftliche in Form von Notizen ihr durcheinander lagen, schüttelte sie sie kräftig, damit sie eine Form gewännen. Der geschüttelte Liebling ist also der Text, die Sprache und nicht der von uns verehrte, von der Mayröcker geliebte Ernst Jandl. Der gemeinsame Lebensweg und Arbeitsprozeß ist der Ausgangspunkt, das Wiederfinden des Verlorenen im magischen Prozeß des Dichtens das eigentliche Thema. Viel Neues ist dabei zu erfahren über die Liebe des Ernst Jandl zum Sprachsprechen der Gertrude Stein, was die Mayröcker sozusagen im Akt nachgetragenen Liebe jetzt erst nachvollzieht und mit Erstaunen und Vergnügen goutiert. Ihre Sprache schwebt dahin und das ist es, was die Mayröcker anspricht, wenn sie sagt: „Ich lasse mich von meiner Sprache tragen als sei ich ausgestattet mit Fittichen und es trüge mich in die Lüfte, aber ich sehe es nicht und es musz von alleine kommen.„ (S.10) Man friert mit ihr, wenn Ernst Jandl, im Buch stets EJ genannt, vordenkt: „Etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod gehen wir auf der Hauptstrasze an einer Blumenhandlung vorbei, wo ich immer Bouquets und Kränze für verstorbene Freunde bestelle, und er fragt, plötzlich und aus einer schrecklichen Stille heraus, wo bestellst Du eigentlich deine Kränze?„ (S. 10f)…„und EJ im Krankenhaus und Edith und ich ihn täglich besuchten und es ihm schlecht ging, fragte Edith mich, was ich tun würde, wenn EJ stürbe, und eine Stimme in mir sagte, ich würde Schlusz machen, und ich sagte es laut und ihr Gesicht war betrübt und sie sagte, aber dann hätte sie zwei Freunde verloren und dann kauften wir zwei Eisportionen für ihn und brachten sie ihm„. (S. 116)

Es war eine verständliche und noble Reaktion des Österreichers Arno Geiger anläßlich der Pressekonferenz zum Deutschen Buchpreis auf die Frage nach seiner Präferenz bei den sechs Büchern auf das der Friedericke Mayröcker zu verweisen und ihr mit bewundernden Worten für ihre Sprachgestaltung zu huldigen und eben auch für ein Lebenswerk zu danken. Entschieden verwies er darauf, daß sein Buch und das der Mayröcker in verschiedenen Klassen spielten, die nicht vergleichbar sind. Genau so ist es auch. Die Jury hat sich – meine ich – bei Friedericke Mayröcker zu entschuldigen. Nicht, weil sie ihr nicht den Preis als besten Roman zusprach, sondern weil sie nicht in der Lage war, das Besondere der Mayröckschen Dichtung zu erkennen und dieses Werk so frühzeitig aus diesem Wettbewerb nackter Prosa zu nehmen und einem anderen zuzuführen oder rechtzeitig einen Sponsor für einen Extrapreis zu finden. Ein menschlicher Umgang mit einer hochgelobten Poetin ist die eine Erfordernis, die andere, die Qualität ihrer Dichtung angemessen zu würdigen. Dies sind selbstverständlich auch Fragen an den Verlag.
 
Letzte Änderung:2006-01-10
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