 |  | | Titel: | Die Nachtstadt |  | | Untertitel: | Tableaus aus dem dunklen Berlin | | Anmerkungen: | | | Autor: | Bastian Bretthauer | | Verlag: | Campus Verlag | | Ort: | Frankfurt [u.a.] | | Jahr: | 1999 | | Veröffentlichungsdatum: | 1999-06-01 | | Veröffentlichungsort: | | | Seiten: | 220 | | Preis: | € 21,50 | | ISBN: | 3593362422 | | Der Autor im Internet: | | | Der Verlag im Internet: | http://www.campus.de/ | | Rezensent: | Jörn Schulz | | Kontakt: | info@jobhopping.de | | Quelle: | Rezension.net | | |
| Nachtgestalten | | | | Erste Stimme: Ein Mann sitzt gebeugt – mit der rechten Hand seinen Kopf abstützend – über einem Schreibtisch. Unaufgeräumt ist es darauf. Wild verteilt liegen ein gutes Dutzend handschriftliche Notizblätter herum. Fast sieht es so als, als formten die Notizen auf dem Tisch einen Halbkreis um den Mann und um das Buch, welches vor ihm liegt. Ganz leise schweben sanfte, entspannende Klänge aus den Boxen der Stereoanlage hinter ihm. Eine Tasse frisch gebrühter Tee steht neben dem Buch und dampft vor sich hin. Langsam richtet sich der Mann auf, atmet tief durch und sieht aus dem Fenster links neben ihm. Den Blick leicht gen Himmel gerichtet, beginnt er, laut zu denken.
Zweite Stimme: Bretthauer will also mit seinem Buch die Atmosphäre der Nacht in Berlin einfangen, sie nacherzählen und somit erlebbar machen. Zudem möchte er mit seinem experimentellen Text Wissenschaft kritisieren. Hhm! Was soll ich von diesem Buch halten? Wie lässt sich dieser Text einordnen? Ist das noch wissenschaftlich? Wo fange ich da nur an?
Erste Stimme: Sichtlich durcheinander wendet der Mann seinen Blick wieder in das Buch und liest noch einmal eine markante Stelle nach.
Dritte Stimme: „Eine Wissenschaft, die dem Lichtbringen, der Erleuchtung verpflichtet wäre, müsste das Nächtliche hinweg erklären, verkäme aber zu einer Theorie der Destruktion der Nacht. Bliebe andererseits die wissenschaftliche Erklärung der Dunkelheit, der Nacht verbunden, so würde das Schreiben über die Nacht im Reich des Mythos’ manövrieren, dem symbolischen Gegenmodell zum Logos. Das „Unternehmen“ Nacht verführt den Wissenschaftler zum Erzählen von Mythen, wie das „Unternehmen“ Wissenschaft eine ständige Dekonstruktion und Ernüchterung verlangt. So konfluiert die poetische Rede mit der Nacht und sucht, das Projekt der Entzauberung zu verhindern.“
War der oben geschilderte situative Einstieg, der den Stil des Buches nachahmt, für Sie nachvollziehbar? Hat er die Atmosphäre, in der sich der Rezensent befunden hat, erfahrbar gemacht? Wenn ja, dann sei Ihnen „Die Nachtstadt“ von Bastian Bretthauer schon an dieser frühen Stelle empfohlen, denn in diesem Stil ist der Hauptteil des Buches geschrieben. Sollten Sie nun eher verwirrt sein, worum es in dem Buch eigentlich geht, dann lesen Sie bitte unbedingt weiter in dieser Rezension.
Eines fällt sofort auf, wenn man „Die Nachtstadt“ von Bastian Bretthauer zum ersten Mal durchblättert: Das Buch ist anders. Es weicht gehörig ab von den Standards, die bei wissenschaftlichen Publikationen sonst üblich sind. Bastian Bretthauer schreibt oft in der Ich-Form, gibt sich als Wissenschaftler zu erkennen. Eine Art literarischer Erzähler führt den Leser durch das Buch und lässt den Hauptteil wie Fragmente aus einem Roman wirken. Ungewöhnlich ist auch der Untersuchungsgegenstand, der uns zwar so selbstverständlich erscheint, der aber bisher wenig erforscht wurde: die Nacht in der Stadt Berlin. Doch welchen Einblick gibt das Buch in den Forschungsgegenstand? Und vor allem: Ist das Experiment gelungen?
Die Gliederung des Buches ist leicht zugänglich und erschließt sich dem Leser bereits nach kurzem Blättern und ein wenig Querlesen. Im ersten Teil, „Wege in die Nacht“, wird man mit dem notwendigen theoretischen Rüstzeug ausgestattet, um das Anliegen und die methodische Vorgehensweise des Buches zu verstehen. Der Leser erfährt, dass Bretthauer sich mit insgesamt sieben Nachtschwärmern – drei Frauen und vier Männern – einige Nächte um die Ohren gehauen und sie an unterschiedliche Orte wie Clubs, Bars, Restaurants und Parks begleitet hat. Zudem wird im ersten Kapitel deutlich, welche Theoretiker das Fundament für „Die Nachtstadt“ bilden: Es sind u.a. der Ethnologe Clifford Geertz mit seiner „Dichten Beschreibung“ aber auch Vertreter der schöngeistigen Literatur wie Novalis und Ludwig Tieck. Nicht ohne Grund bezieht sich Bretthauer auf diese Romantiker, denn mit ihrer Hilfe begründet der Autor sein Wagnis zwischen sinnlicher Erfahrung und theoretisierender Wissenschaft zu vermitteln. Introspektiv vorgehend, also in sich und seine Interviewpartner „hineinschauend“ erhofft sich der Wissenschaftler einen umfassenderen Erkenntnisgewinn bezüglich seines Forschungsgegenstandes.
Deshalb greift er im zweiten Kapitel zu dem oben geschilderten Kunstgriff in der sprachlichen Vermittelung der Informantenaussagen. Die „Nachtstücke“ sind in verschiedene Tableaus aufgeteilt. Dies ist eine literarische Form, die sich in der französischen Aufklärung etablierte und bruchstückhaft die atmosphärischen Eindrücke eines Autors wiedergeben und erfahrbar machen sollte. Abwechselnd kommen in den Nachtstücken drei Stimmen zu Wort: der Erzähler, der die Stimmung und das Setting beschreibt; der Forscher, der das Gespräch lenkt und erste Deutungen zum Gesagten anstellt; und die Interviewpartner, die ihre Erlebnisse mit der Nacht in Berlin schildern. Man erfährt von einem homosexuellen Clubgänger, der bestrebt ist, immer als einer der Ersten eine neue, coole Location zu testen und eine Art Doppelleben zwischen Tag und Nacht, zwischen Arbeit und Party führt. Der Leser bekommt von einem Gedichtverkäufer zu hören, dass er sich nur deshalb einen Geschäftszweig aufbauen konnte, weil die Menschen nachts anders, offener drauf sind. Und man bekommt Einblicke in die Ängste einer jungen Verkäuferin, die sich vor fantastischen Gestalten wie Werwölfen fürchtet. Die Offenlegung der Forschungssituation durch die erste und zweite Erzählstimme, das Beschreiben etlicher Sinneseindrücke wie Geräusche und Gerüche rufen unweigerlich vorstellbare Szenen hervor. Bretthauers anschauliche Sprache trägt einen wichtigen Teil dazu bei. Auch wenn’s kompliziert klingt: Der Hauptteil liest sich kurzweilig und zieht den Leser tatsächlich in die Szenerie hinein. Der Eindruck einer Quasi-Reality-Ethnographie entsteht.
So weit, so gut! Aber blieben die Aussagen und Beschreibungen so unkommentiert stehen, wäre das Ganze bis hierher nicht mehr als ein interessanter, fast voyeuristischer Einblick in das Leben von sieben Nachtschwärmern unterschiedlicher Couleur. Da diese Forschung jedoch als Magisterarbeit konzipiert wurde, wird nun im dritten Teil das Vorangegangene gedeutet. Bretthauer widmet sich im Teil „Vier Schlusslichter der Nacht“ der Interpretation der Erzählungen, ordnet die Aussagen der Interviewpartner sowohl in kulturhistorische und anthropologische als psychologische und ästhetische Kontexte ein. Es wird deutlich, dass diese induktive Vorgehensweise, also die Thesen aus dem vorliegenden Material herauszuarbeiten und sie nicht nur in vorhandene Modelle einzuordnen, dem Forschungsgegenstand sehr zuträglich ist.
Dass Bastian Bretthauer einen Text dieses Kalibers verfasst hat, der mit Wissenschaftskritik geladen ist und sein Ziel, den Logos der Aufklärung, ins Visier nimmt, mag mit seinem Studienfach zusammenhängen. Als Student der Europäischen Ethnologie befasste er sich wohl zwangsläufig mit der „Krise der Repräsentation“ in den schreibenden Wissenschaften und mit Auswegen daraus. So scheint die besondere Darstellungsweise sowie der vermittelnde Ansatz zwischen subjektiv sinnlicher Wahrnehmung und „objektiver“ Interpretation und Abstraktion der Aussagen der Interviewpartner eine nahezu logische Konsequenz zu sein. Zusätzlich illustriert wird dieser Ansatz durch die Verwendung von Fotos im Buch. Die visuelle Anthropologie der Stadt lässt eine weitere Wahrnehmungsebene einfließen, die eng verwoben ist mit der künstlerischen Darstellung von Orten und Atmosphären.
„Die Nachtstadt“ ist im Großen und Ganzen unterhaltsam geschrieben. Das ethnografische Beschreiben gemischt mit poetischen Einflüssen könnte ruhig Schule machen. Nicht zu letzt, weil sich Bretthauer wohl einen Spruch des US-amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills sehr zu Herzen genommen hat, der da lautet: „Alles Geschriebene – vielleicht von den wirklich großen Sprachschöpfungen abgesehen –, dass nicht als menschliche Stimme vorstellbar ist, ist schlecht geschrieben“. Menschliche Stimmen – die hört man aus der Nachtstadt Berlin ganz deutlich heraus.
| | | | Letzte Änderung: | 2006-08-19 | | Bewertung: |      | |  |  | |