Titel:Drachensaat
Untertitel:Auf dem Weg zum nihilistischen Helden
Anmerkungen:Hg. Tom Lamberty und Frank Wulf
Autor:Konradin Leiners (auch Qrt)
Verlag:Merve
Ort:Berlin
Jahr:2000
Veröffentlichungsdatum:0000-00-00
Veröffentlichungsort:
Seiten:520
Preis:35,00 EUR
ISBN:3-88396-163-9
Der Autor im Internet:
Der Verlag im Internet:http://www.merve.de/
Rezensent: Wolfram Hasch
Kontakt:redaktion@rezension.net
Quelle:Rezension.net, www.rezension.net
 

Qrt auf der Spur des nihilistischen Helden

Analytische Tiefenschärfe auf 400 Seiten

 
Nach „Schlachtfelder der elektronischen Wüste“ und „Tekknoledge“ ist„Drachensaat“ das dritte und vorerst letzte erschienene Buch Konradin Leiners (auch Qrt), welches unter dem Kuratorium seines ehemaligen Freundes  Tom Lamberty, der nach dessen Ableben (1996) über einen ihm hinterlassenen Code Zugang zu Qrts Text-Dateien bekommen hat, im Merve-Verlag publiziert wurde.  Im Gegensatz zu den beiden ersten Büchern, welche in kurzen, zum Teil bloß  skizzenhaft anmutenden Essays über Techno als Medienkrieg, abgehackte Köpfe, ejakulierendes Kapital u.ä. bestanden, ist „Drachensaat“ eine  einem einzigen Sujet verpflichtete, vergleichsweise schnörkellose Analyse, die - wie im Untertitel angedeutet - den Weg des nihilistischen Helden beschreibt. Für Leser, die irgendeine Art von (EXN)Pop-Literatur oder nekroide Essays wie z.B. Leiners bekannten und gleich mehrfach publizierten philosophischen  Text über den Film „Texas Chainsaw Massacre“ erwartet haben, dürfte das Buch nicht der richtige Lesestoff sein.

„Der Held ist so alt, dass das Wort, das ihn ausspricht, noch aus einer Zeit stammt, als es noch keine Sprache gab. Damals war die Welt das Land der Drachen, ein Land ohne Grenzen. Die Drachen wurden von den Helden getötet und die Helden waren selbst aus Drachenzähnen gewachsen, aus der Sprache. Von da an gab es eine Grenze: die Helden wurden die Anderen, aber die Grenze blieb dieselbe. Die Differenz der Grenze, davon soll diese Arbeit handeln“, so  leitet Qrt seine ausführliche Untersuchung über den Weg des nihilistischen Helden ein, um uns die versteckte Mythologie seines Arbeitstitels zu erklären, bevor er die historische Fährte dieses Helden aufnimmt.

Auf den darauffolgenden über fünfhundert Seiten (er-)klärt er anhand zahlreicher, zum Teil längst vergessener Bücher auf welche Weise diese Saat aufging, wer ihr Korn säte und wer schließlich versuchte, damit (auch reichlich unreife) Früchte zu ernten, so z.B. und vor allem der Nationalsozialismus. Wenn er dabei versucht, die von ihm ins Blickfeld gerückten Autoren als vergessene und auf die schwarzen Listen eines „grassierenden“ akademischen  Liberalismus verbannte Denker darzustellen, dann bemüht er dabei  nicht immer die Tatsachen: so wurde Weininger z.B. bei „Matthes&Seitz“ verlegt und auch die Bücher von Spengler und vieler anderer in seinem Buch behandelter Autoren sind seit Jahren jedem Interessenten unmittelbar zugänglich.

Eines der markantesten Kennzeichen des heroischen Nihilismus ist, so Qrt, dass er nicht mehr diskutiert, „denn wer im Nichts steht, muß alles selbst erschaffen“(S.398). Da der Nihilismus bekanntlich vom Zerfall der Werte ausgehe, versuche er diese nicht mehr durch „den hermeneutischen Zirkel des Verstehens zu transportieren“ und selbst in einer diskursiven Kritik (oder Trauer)  noch zu bestätigen, sondern setze durch aktiven Eingriff der Sprache eine Differenz als Bruch, die nicht mehr den aktuellen Gehalt bestehender Werte untersucht, ggf. beklagt und zu reanimieren versucht, sondern eigene Werte konstituiert und damit neuen Sinn setzt.

Mit dem Sinn, den die Nationalsozialisten der „Dekadenz“ entgegenstellten, hat der des heroischen Nihilismus allerdings nichts gemein. Qrt unterscheidet deshalb zwei grundlegende Richtungen  des Heroismus: einerseits der heroische Idealismus, welcher die Ent-Wertung mit einer neuen gesellschaftsfähigen Utopie zu überwinden versuche und sich bei den Nazis in der Ausprägung eines  rassisch berufenen, kontrakranken arischen Körpers äußere, andererseits der heroische, sich in die Krankheit bis zu deren angestrebter Überwindung tragisch steigernde Nihilismus, der ganz ohne gesellschaftliche  Idealität auskomme, da  für  ihn jede Utopie noch Merkmal der Dekadenz ist: die ins Zukunftsideal projizierte  Kompensation realen Verfalls, welche die Einlösung des „selbstzüchtigen Jetztkörpers“ in ein  kollektiv Imaginäres verlegt, an den dann die Körper ideologisch verschaltet werden.

Die Überwindung des Verfalls besteht beim heroischen Nihilismus nicht in der  Anrufung einer biologisch dafür auserwählten Rasse, sondern der  Selbstüberwindung derer, die nicht Rasse „sind“, sondern Rasse „haben“, welche sie sich erst durch ihre Anstrengungen erwerben und die nach Qrt schon immer eine Sache der Junggesellenmaschine gewesen ist: „Die Junggesellenmaschine beginnt in der Ordnung der Körper. Sie ist zunächst und zuerst eine Maschine, die den Triebstrom des Körpers, die diesen Körper zum Autor hat, parallelschaltet. Dieses Verfahren ist ganz im Sinne der Nietzscheanischen Körperphilosophie.“(S.388)
Anhand der darauf folgenden Biographien der Vertreter des heroischen Nihilismus lässt sich - wenn mans nicht schon vorher herausgelesen hat - unschwer erkennen, was Qrt mit einer solchen Parallelschaltung meint. Der  Triebstrom wird nicht primär sexualisiert, um daraufhin befriedet oder sublimiert zu werden, er wird in die offensive „Libido“ des Intellekts verschaltet und das freiwillige Zölibat des Philosophen unterliegt der Verteilung  von Triebressourcen, die dem Primat einer ins Auge gefassten, möglichst unverklärten Körperphilosophie  genügen müssen.
Die Nazis, so Qrt, suchten sich für ihren heroischen Idealismus nur die suggestivsten darwinistischen Momente dieser Körperphilosophien  und beuteten das Pathos, in das diese bewußt gipfelten ( Nietzsche) für ihre arischen Phrasen aus, ohne sich auf  jenes diffizile und autobiographisch bezogene Denken, welches hinter diesem Pathos nachvollziehbar existierte, einzulassen. Denn wie bereits oben gesagt: “Der heroische Idealismus zielt auf Rasse, die man ist, der heroische Nihilismus auf Rasse, die man hat. “Ergo entspricht dem biologischen Dogma  die rassenmobilisierende Phrase, der hero-nihilistischen Anstrengung die durch Sprache differenzierende Philosophie oder Poesie.

Qrt unterscheidet neben einer Gründergeneration (Schopenhauer, Hegel, Burkhardt, Nietzsche)  zwischen zwei Generationen des heroischen Nihilismus. Die erste  findet man  zwischen Jahrhundertwende und erstem Weltkrieg (Weininger, George, Blüher, Ball, Heym), die zweite Generation 1920 bis  in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts (Spengler, Musil, Jünger, Benn, Gehlen, Jünger, Schmitt, Günther). Entscheidender Unterschied in ihrem jeweiligen Impuls: „Während die erste Generation durch Auslöschung der Sexualität eine Ordnung der Produktion schaffen wollte, eben die des Geistes, zielt die zweite Generation auf eine Ordnung der Reproduktion ab, eben die der disziplinierten Körper“. Es sei deshalb nicht zufällig, dass die erste Generation den Heiligen, letztere eher den Tatsachenmenschen hervorgebracht habe.

Im französischen Poststruktualismus der jüngsten Zeit entdeckt Qrt schließlich die Fortsetzungsgeschichte des heroischen Nihilismus. Da das Wissen eine Ratte sei, deren Nachkommen immun gegen das Gift würden, mit der man diese Ratte getötet habe, hätten die "toxisch resistenten" französischen Strukturalisten diskursive Strategien und Metaphern gefunden, mit denen man die von ihr fortgeführte Philosophie des heroischen Nihilismus  vor der Vergiftung  durch die bisher wirksamen -weil auf die geschichtlichen Auswirkungen dieses Denkens verweisenden- Diskreditierungsverfahren  schützen könne.

Entsprechende, der Beweislast eines umfassenden Systems genügende, auch  unkundigeren Lesern nachvollziehbare  Belege  für diese Affinität zwischen beiden philosophischen  „Schulen“, die laut Qrt letztlich nur aus einer bestehen, bleiben dann allerdings zugunsten eines schlagwortreichen Angriffs gegen den  „heute herrschenden Diskurs“ zumeist im Ansatz stecken und weichen gegen Ende manchmal  Sätzen wie  diesem: „Frankfurt und Hamburg sind geistige Behindertenwerkstätten, in denen Legastheniker die Wörter Schwarzwald und Wiesengrund buchstabieren lernen.“ So verdirbt sich Qrt zum Schluß des Buches ein wenig die philosophische „Souveränität“ einer rein auf das gewählte Sujet gerichteten Aufmerksamkeit, indem er die Analyse stellenweise gegen einen auf dem Papier (fort-)geführten akademischen Disput eintauscht, bei dem es nur noch darum zu gehen scheint, erstrangige Denker wie Weinberger gegen „auf Holzwegen stolpernde Abtönprofessoren“ wie Habermas und eine Postmodernität, „von der  heute jeder Kunststudent faselt“ zu rehabilitieren.

An der analytischen Tiefenschärfe der vorangegangenen vierhundertvierzig Seiten ändert das allerdings überhaupt nichts. Im Gegenteil:“Drachensaat“ bestätigt dem schon früher an Qrts Texten interessierten Leser, dass mit Konradin Leiner  vor nun inzwischen sieben Jahren ein Theorie-Derwisch gestorben ist, dessen Arbeiten, so er auch heute noch welche geschrieben hätte, sicher für so manch frischen Wind in den  Hirngewinden der Philosophie sorgen würden.
 
Letzte Änderung:2004-05-09
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