Titel:Die Sündflut
Von:Ernst Barlach
Mit:Werner H. Schuster, Uwe Schmieder, Matthias Horn
Regie:Susanne Truckenbrodt
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Rezensent:Robert Meyer
Kontakt:redaktion@rezension.net
Quelle:Rezension.net, www.rezension.net
Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 22.09.2004
 

Gott malt mürrisch rote Kreuze

Bei Truckenbrodts »Sündflut« entsteht ein Action-Painting-Gemälde im Theater unterm Dach

 
»Die Sündflut«, das klingt nach schwerem Stoff aus der Schöpfungsgeschichte. Im Theater unterm Dach wird der Klassiker als eine Art energiegeladenes Action-Painting-Gemälde inszeniert.

Gott ist ein Mann mittleren Alters mit schütterem Haar. Bekleidet nur mit Unterhose und beinlangen Anglerstiefeln, sitzt er in einem hellen, weißen Raum auf einer übergroßen weißen Designercouch und flucht lautstark über die Menschen, die nicht wollen, wie er will. Als Gott aufsteht und sich an den Rand des Raumes stellt, nimmt die Noah-Sippe Platz auf der Supercouch. Alle leicht bekleidet, die Männer nur in Unterhosen, an Beinen und Armen Stulpen aus grober Wolle. Stellt man sich diese Szene als ein riesiges Gemälde vor und gibt dem Bild Leben, dann wäre Gott darin ein übellauniger Künstler, der nicht recht begreift, was für eine verhängnisvolle Dynamik er in Gang gesetzt hat. Susanne Truckenbrodt inszenierte vor einigen Jahren im Orphtheater Ernst Barlachs Stück '»Der Findling«. Im Theater unterm Dach bringt sie jetzt »Die Sündflut« auf die Bühne.

Der Bildhauer Ernst Barlach, der als Dramatiker ein Außenseiter mit expressionistisch-religiösem Tiefgang war, benutzte den Text, um Fragen nachzugehen: Woher kommt das Böse? Ist das Böse Gottes Wille? Wozu dann die Sintflut? Und wer überlebt? Bei Barlach ist der biblische Noah-Mythos auch eine Chiffre für den ewigen Konflikt zwischen Eigenverantwortung und Schuldabschieben. In diesem Sprach- und Bildraum – das Werk ist als schwer aufnehmbar bekannt – ist kein Platz für Auflösungen und Abstraktionen. Alles ist symbolisch verdichtet. Begehren ist die Quelle der Sünde und diese die Quelle unauflösbarer Konflikte. Menschen verstricken sich immer wieder in denselben Kreisläufen aus Schuld und Versagen. Da stellt sich nebenbei die Frage, warum Menschen eigentlich nichts daraus lernen? Auf der Bühne im Theater unterm Dach malt Gott (Werner H. Schuster) seinen Kreaturen rote Kreuze auf die Körper, tropft mit einem Pinsel Tränen unter die Augen. Danach begutachtet er missvergnügt seine Schmierereien. Noah (Uwe Schmieder) gibt sich als Frommer, der lieber ein Objekt seines Gottes ist, als Subjekt mit freiem Willen wie Calan (Matthias Horn). Der läuft mit einem Regenschirm über die Bühne, hat von Gott die Schnauze gestrichen voll, wäre am liebsten selber Gott und bringt diesem deshalb ein menschliches Opfer dar. Fortwährend will er Noah in Versuchung führen und Gott provozieren, und dafür darf er nicht mit in die Arche. Pech gehabt, denkt man. Denn zu Tiefgang geben die Figuren wenig Anlass, trotz der Sprachgewalt des Stücks. Barlach spannt das Thema zwischen den Polen Freiheit und Gottesbestimmung auf, Truckenbrodt bringt ein ästhetisches Gesamtkunstwerk auf die Bühne. Die zwölf Schauspieler waten und wälzen sich in Farben, liegen auf- und übereinander, begehren und hassen einander und führen inhaltsschwere Gespräche.

Das alles ist zwar manchmal sehr bildstark, löst aber keine Empfindungen aus, die zu Fragen führen, die Barlach stellt. Aber es ist bunt, dynamisch und toll anzusehen.

30.9.-3.10, 21.-24.10, 20 Uhr, Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, Telefon 902953817
 
Letzte Änderung:2004-10-27
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