Originaltitel:Berlinale Abschlußbericht 2009
Deutscher Titel:Berlinale Abschlußbericht 2009
Land:BRD
Jahr:2009
Regie:Dieter Kosslik
Mit:
Buch:
Produzent:
Kamera:
Musik:
Dauer:10000
Der Film im Internet:http://www.berlinale.de

Die Produktionsfirma im Internet:http://www.berlinale.de
Kinostart:2009-02-05
Rezensent:Dave
Kontakt:
Quelle:rezension.net
 

Reiten auf dem Mammut

Starke Dokumentationen, mäßige Spielfilme

 
Dieses Festival funktioniert wie eine Riesenmaschine. Nicht ganz so komplex wie der Large Hadron Collider in Cern, ist die Berlinale doch ein bemerkenswertes Gebilde zur Erforschung von Markt, Kunst und Geschmack, von Hierarchien und Unterhaltung, gespickt mit Botschaften, Begehrlichkeiten und Problemen, medial multipliziert durch Presse und Sternchenjagd, eingeteilt in Arbeitstage und Partyabende, Sektionen und Programme, justiert von Kritik und Weltwirtschaft, Forum des Austausches und der Preise, vernetzt mit anderen Festivals, bepflastert mit Sponsorenlogos und bewacht von Türstehern und Kartenabreißern. Mit all diesen Bedeutungszotteln wirkt Berlins größtes Filmfestival zuweilen wie ein kuscheliges und mächtiges Mammut, das derzeit dem rauen Finanzklima trotzt und unbeirrt in der Herde der Leitmedien trottet. Diese Mammutmaschine füttern Köche in den Loungebereichen, bei den Shooting Stars und den Konferenzen in Hotels, beim World Media Fund, auf Partys und natürlich beim Kulinarischen Kino. Die Zotteln der Kreatur wären dann auch die ausgerollten Filmstreifen, Schlüsselbändchen und Teppiche, die Kabel der Sendeanstalten und in den Computerfarmen, die langen Schlangen Filmhungriger an den Vorverkaufskassen. Unser Flimmermammut macht keine hastigen Bewegungen, sondern absorbiert durch seine schiere Größe einfach Trends, schwitzt auch mal Perlen aus und trompetet im Radio, Lokalfernsehen und auf roten Postern seine Präsenz in die Stadt hinaus.

Auf der einen Seite werfen Tausende Filmemacher zu Beginn ihre Werke in diese Riesenmaschine ein und beginnen ehrfürchtig zu hoffen. Es sind zumeist Filmemacher in der engeren Definition, solche mit Produktionsfirmen hinter sich und Fördergeldern; hart arbeitende professionelle Regisseure, die auf Zelluloid oder HD Videoformaten drehen, was natürlich 90 Prozent der existierenden Filmer bereits ausschließt. Zahlreiche Sichtungskommissionen schauen sich ein halbes Jahr lang die Augen wund und wühlen solange durch diesen Brei im Mammutmagen, bis sie mit den Mandeln zwischen den Zähnen und erschöpft wieder auftauchen. Zumindest glauben sie das und vertrauen auf ihre Erfahrung.
Ebenfalls Tausende junger Filmmenschen bewerben sich beim Talent Campus und eine elitäre Kommission pickt sich dort die 300 Rosinen heraus, was einen gehörigen Egoschub bei den Erwählten produziert, der sich auf der Abschlussfeier entlädt. Wiederum wurden dort Barrieren geschaffen, aber mit Kaufkarten dürfen sich die Abgelehnten wenigstens einige Veranstaltungen ansehen mit dem Risiko, gute zeitgleich laufende Filme zu verpassen. Schließlich akkreditieren sich weitere Abertausende Journalisten, Fachbesucher und EFM Teilnehmer und bevölkern gemeinsam mit dem Publikum den Potsdamer Platz im Februar mit ihren Taschen und Kärtchen. Wir werden zu Passagieren auf dem Mammut. Es herrscht gute Stimmung auf dem Ritt um die Bilderwelt. Cineasten schwärmen aufgeregt umher. Am Ende regnen Preise auf Überraschte nieder und mögen Jungtalenten wie auch erfahrenen Filmhasen Aufwind zufächeln. Uns brummt der Schädel und übersättigt verteilen wir mit roten Augen Haltungsnoten. Fotografen schrauben ihre Objektive ab und fahren heiser heim. Manch einer freut sich über gelungene Portraits von Jury und Stars, die er an Zeitungen verkaufen konnte. Die Berlinale versteht sich als Seismograph und Thermometer der Filmwelt. Sie verschanzt sich hinter Anzugträgern und gibt sich mondän.

Der Europäische Film Markt sorgt alljährlich für das Futter (die Haupteinkünfte); Förderung und Kartenerlöse sind dagegen nur Häppchen. Lobet den EFM! Dort laufen ohnehin die interessanten Filme in angenehm ungefüllten Kinos. Als EFM Highlights seien hier folgende genannt: THE SKY CRAWLERS von Mamoru Oshii (Anime Drama), $ 9,99 von Tatia Rosenthal (Puppentrick Drama), A FILM WITH ME IN IT von Ian FitzGibbon (Komödie) sowie EVIL ANGEL von Richard Dutcher (Horror). Mögen sie alle einen Verleih und damit den Weg in unsere Kinos finden.

Was war 2009 neu? Der ungemütliche Friedrichstadtpalast mit seinen harten engen Sitzen wurde als Kino angemietet. Wer das Pech hatte, auf Randplätzen zu landen, starrte auf eine gestauchte Leinwand. Viele Sektionen steckten mehr hochwertige Dokumentationen ins Programm. Beim Talent Campus und der GENERATION gab es Wechsel im Personal. Teile des EFM wanderten in das Marriott Hotel. Beim Talent Campus vermisste man die in zwei Tagen hergestellten Garage Movies und langweilte sich manchmal in Aufgüssen der Vorjahresvorträge. Die GENERATION Lounge zog um in das spitze Gebäude, aus dem der EFM geflohen war. Aber die leckeren Oliven und Knabberstangen gab es dort weiterhin nebst Freigetränken. Hier ließ es sich entspannt mit Filmern plaudern.

So wie sich also die Kommissionen die Sahnestückchen der Einreichungen herausfischen, müssen wir Kritiker nun unsererseits die Zotteln der Programme nach dem Besonderen durchforsten. Die notwendige Verknappung an dieser Stelle sei uns verziehen. Aber selbst mit täglich hoher Filmdosis vermag man kaum mehr, als einen Zipfel der 386 Angebote wahrzunehmen. Da sind meine ca. 70 Filme schon ein guter Schnitt. Kollegen spezialisieren sich manchmal und haben dann wenigstens den Überblick über eine Sektion. Aber diesen Satz schreibe ich schon seit Jahren. Unkommentiert will ich auch das Merchandising lassen, die Auftritte der Direktors Kosslick und die Erkennungsmelodie vor jedem Film.

Kontinuität beweist die Berlinale in der hohen Qualität des GENERATION Programms. Zwar fanden in so gut wie jedem Beitrag der 14plus Reihe irgendwelche sexuellen Handlungen unter Jugendlichen statt und Elternkonflikte. Aber vielen Regisseuren gelingt in diesem Kinder- und Jugendfilmgenre die Verknüpfung von Botschaften mit Unterhaltung. Das kann vom FORUM nicht immer behauptet werden, ebenso wenig wie von der PERSPEKTIVE. Durchwachsen muteten WETTBEWERB und PANORAMA an, ebenso wie SPEZIAL und RETROSPEKTIVE. Aber solche Pauschalisierungen werden den Beiträgen kaum gerecht. Beschränken wir uns also auf einige Beispiele.

Stichwort Dokumentationen: In THE YES MEN FIX THE WORLD (siehe Rezension) begleiten wir Mike Bonanno und Andy Bichlbaum bei ihren Streichen, die sie in den Medien und auf Wirtschaftskongressen spielen. Sie geben sich wieder als Sprecher von Großkonzernen aus und verkünden absurde und unkapitalistische Botschaften. Das ist ein Heidenspaß und wurde zu Recht mit dem PANORAMA-Publikumspreis geehrt. Die Profiteure der Deregulierung entlarven ihre eigene Gier und machen sich vor laufender Kamera lächerlich.
Marco Wilms begibt sich auf historische Spurensuche in EIN TRAUM IN ERDBEERFOLIE. Er möchte die Protagonisten der flippigen DDR-Modeszene finden und sammelt auf dem Weg viel Archivmaterial. Als er seine ehemaligen Freunde (Designer, Fotografen, Models, Frisöre) beisammen hat, inszeniert er mit ihnen eine kleine Modenschau in einer Berliner Wohnung. Nun trägt die Tochter der Designerin Sabine eine Nachbildung der Kleidung aus Erdbeerfolie, die die Mutter Anfang der 80er entwarf. Fernab von Ostalgie vermittelt diese Dokumentation ein unbeschwertes Lebensgefühl und ist insbesondere für Modeopfer sehenswert.
Die PERSPEKTIVE wählte goldrichtig mit ACHTERBAHN (siehe Kritik) das Portrait des Schaustellers Norbert Witte aus. Dieser Hasardeur erwarb nach der Wende den Berliner Vergnügungspark im Plänterwald. Als er zehn Jahre danach vor den Schulden nach Lima floh, riss er seine Familie mit ins Verderben. Können Ex-Frau und Tochter das Ruder wieder herumreißen. Peter Dörfler erzeugt Spannung und Mitgefühl mit seinem Film, in dem es auf und ab geht.
Auch im FORUM gab es Dokumentationen. LETTERS TO THE PRESIDENT präsentiert die fanatisierte und indoktrinierte Landbevölkerung Irans mit dazugehöriger Propaganda. Der Film wühlt sich in die Armut und Misere Ungebildeter und lässt nur vereinzelt Kritik am System von Stadtmenschen aufscheinen. Menschen mit Problemen schreiben dem Präsidenten Briefe und bitten um Hilfe. Zur Bearbeitung dieser Bittbriefe wurde ein spezielle Behörde geschaffen. Kaum jemand bekommt natürlich die erwünschte Hilfe oder Antwort. Man betrachtet sich die Iraner und geht verängstigt aus dem Kino; bestärkt in dem Glauben an die Gefahr, die von Muslimen ausgeht. Das war bestimmt nicht die Absicht Regisseur Petr Lom.
In DEFAMATION versucht Yoav Shamir aus Israel zu erforschen, wie es derzeit um den Antisemitismus steht. Dabei fliegt er um die Welt und begleitet auch eine Gruppe israelischer Jugendlicher auf ihrer Pflichtreise nach Auschwitz. Viele von ihnen beginnen ganz unmotiviert können sich das Grauen nicht vorstellen, bis sie die Sammlung von Kleidung im KZ sehen und in Tränen ausbrechen. Gleichzeitig wird ihnen Angst vor Polen und Deutschen gemacht. Weiterhin trifft Shamir amerikanische Professoren mit kontroverser Meinung, Journalisten, fragt in New York nach bei Schwarzen auf der Straße. Er begleitet mächtige jüdische Meinungsmacher der ADL (Anti-Defamation League) zu ihren Treffen mit Politikern und kann in Gesprächen viele Seiten dieses Themas beleuchten. Sein Film birgt einigen politischen Sprengstoff und ist sehr unterhaltsam. Man kann sich am Ende seine eigene Meinung bilden.
In der Sektion GENERATION misslang mit TEENAGE RESPONSE der Versuch, einen Dokumentarfilm an das junge Publikum zu bringen. Die 156 Minuten, in denen Berliner Jugendliche von ihrem teils belanglosen Leben vor hübschen Hintergrundbildern plaudern, hätte man lieber unterhaltsamer verbracht. Zwar gibt es darin Lichtblicke, die aber keinesfalls die Länge rechtfertigen. Das Zielpublikum bestand hier eindeutig nur aus der griechische Filmerin und den Altersgenossen der Interviewten.
Im WETTBEWERB hingegen kommen mit DEUTSCHLAND 09 gleich dreizehn Regisseure zu Wort, die sich in Kurzfilmen teils essayistisch, teils fiktiv mit der Lage der Nation befassen. Angefangen von Naturbildern, Stimmungsaufhellern und schlichten Betrachtungen der Architektur arbeiten sich die Filmemacher über Familiengeschichten, Armut und Migrantenthemen bis zum Gesundheitswesen und Überwachungsstaat vor. Schüler probieren Demokratie im Unterreicht und lernen, dass man sich besser nicht zu Wort meldet, weil man sonst überstimmt wird. Tom Tykwer schickt Benno Fürmann in Trance auf eine Weltreise durch Hotels, Besprechungen und Coffeeshops. FEIERLICH REIST zeichnet sich durch den ungeheuren Aufwand, die witzige Idee und den knackigen Schnitt aus. Der großartige Josef Bierbichler darf in FRAKTUR einen Industriellen spielen, der in seiner Zeitung FAZ eine Schriftart vermisst. Er kauft kurzerhand den Gesamtbestand der Tagesauflage auf und schickt sie zum Verlag zurück. In der Redaktion schafft er dann sogar persönlich seinem Unmut gehör.

Bleiben wir noch ein wenig beim WETTBEWERB, wenden uns nun aber den Spielfilmen zu.
Tom Tykwers teurer Actionthriller THE INTERNATIONAL eröffnete das Festival. Armin Müller-Stahl hat darin einige schöne Szenen, Clive Owen hetzt um die Welt, um ein Bankenkomplott mit Waffenhandel aufzudecken. Dabei darf er in einer Schießerei das in Babelsberg nachgebaute Guggenheim Museum in New York zerstören. Naomi Watts ist anfangs auch mit von der Partie. Ansonsten wirkt die Geschichte etwas belanglos und zitiert nur aus dem Genre, wenngleich sich der Regisseur darin sonnt, die Finanzkrise vorhergesehen zu haben. Der Film floppte bereits in Amerika.
Was hat es nun mit dem Mammut auf sich? Lukas Moodysson erzählt in MAMMOTH die Geschichte einer neureichen Familie aus New York. Während der Vater, gespielt von Gael García Bernal, in Thailand darauf wartet, einen Millionendeal seiner Videospielfirma mit einem Mammutelfenbeinfüllhalter zu unterschreiben, hütet eine philippinische Tagesmutter seine Tochter, da die leibliche Mutter als Chirurgin in der Notaufnahme arbeitet und keine Zeit für ihr Kind hat. Die Tochter lernt dann einfach auch mal Tagalog von der Nanny, was der Mutter missfällt. Die Söhne der Tagesmutter versuchen derweil auf den Philippinen, Geld zu verdienen, damit die Mutter heimkommt. Das hat dramatische Konsequenzen. Bernal schläft schließlich doch noch mit einer Prostituierten in Thailand, obwohl er sich lange dagegen wehrt.
Die Kritikerkollegen ließen kaum ein gutes Haar an dem sehr verträumt gemachten Film, dessen Weltwehmut aber ganz passabel transportiert wird von Bildern und Musik. Ein sehr poppiges Lied durchzieht den Streifen und weckt uns oft. Offenbar ging es dem Regisseur um Globalisierungskritik. Wie in hunderten anderer Filme auch, gäbe es die Problemkonstellation ohne die Kinder gar nicht. Also schlussfolgert man: Schafft euch bloß keine Kinder an! Die machen mehr Probleme, als ihr verkraften könnt. Dann hätte man auch gleich das akute und wichtigste Menschheitsproblem der Überbevölkerung abgehakt. MAMMOTH endet aber in einer weichgezeichneten Familienidylle.

Ein Dorf in Ungarn. KATALIN VARGA hat auch einen Sohn. Allerdings ist er das Resultat einer Vergewaltigung. Das wusste niemand, bis Katalin es einer Freundin beichtet. Bevor der Sohn es im Dorf hört, beschließt Katalin, mit ihm zu verreisen. Unter dem Vorwand, die Oma besuchen zu wollen, fährt Katalin also im Pferdewagen durchs Land. Sie findet auch ihre Vergewaltiger und rächt sich. Irgendwann sind ihr aber deren Verwandte auf den Fersen.
Peter Strickland hat mit wenig Mitteln und tollen Landschaftsbildern ein fesselndes Drama um Schuld und Schande geschaffen. Intensives Schauspiel und drastische Taten zeigen uns die Aufarbeitung eines Traumas. Daumen hoch.

2009 ist eindeutig das Jahr des Triumphs für Kate Winslet. Sie sahnt die begehrtesten Filmpreise ab für ihre Rolle in DER VORLESER. Der Oscar macht sich auf dem Regal neben ihrem Golden Globe und dem BAFTA bestimmt gut. Über diesen Film um eine Analphabetin und die Sexszenen mit David Kross ist schon ausgiebig berichtet worden. Dass die Berlinale diese deutsch-amerikanische Koproduktion im Programm hatte, darf kaum verwundern. Bruno Ganz spielt einen Professor ganz souverän. Das Leben eines Mannes und die Schuld einer KZ-Aufseherin werden erzählt. Bemerkenswert ist auch Ralph Fiennes, der sich schauspielerisch an seine jüngere Vorlage von David Kross anpasst. Normalerweisen imitieren in solchen Lebensrückblicken die jüngeren Schauspieler die älteren. Die Produktionsdesigner gaben sich viel Mühe, verschiedene Jahrzehnte mit ihren Moden, Architekturen, Lebensweisen und Ereignissen wiederzuerwecken. DER VORLESER ist eine grundsolide Arbeit, die dramatische und erotische Komponenten anbietet. Ein weiterer Ziegel im Gebäude der Aufarbeitung der Nazizeit.

Das Überbringen von Todesnachrichten an die Hinterbliebenen obliegt beim amerikanischen Militär besonderen Offizieren. Dem jungen Versehrten Will (Ben Foster) wird in THE MESSENGER für diese Aufgabe der erfahrene Captain Tony Stone (Woody Harrelson) als Mentor an die Seite gestellt. Dieser ist ein Raubein und Chauvinist, dessen Ratschläge oft weise aber manchmal unsensibel sind. Harrelsons Schauspiel hat Applaus verdient. Wills Freundin verlässt ihn kurz vor seinem Ausscheiden aus der Armee, aber die extrem gefasste Reaktion der jungen Witwe Olivia (Samantha Morton) fasziniert unseren Hiobsbotschafter. Er freundet sich mit ihr an. Die emotional beste Szene des Films ist eine lange, intensive, ungeschnittene Sequenz in der Küche, in der sich die beiden sehr nahe kommen, aber plötzlich innehalten und alles besprechen können. Für das sensible Drehbuch von Oren Moverman und Alessandro Camon spendierte die Berlinale-Jury um Tilda Swinton einen Silbernen Bären.

Im Kinderprogramm GENERATION lohnte sich ein Kinobesuch für BRENDAN AND THE SECRET OF KELLS. Darin erlebt ein aufgeweckter irischer Junge im 8. Jahrhundert Abenteuer im magischen Wald vor der Abtei seines Onkels. Neben Bauern und Handwerkern arbeiten Mönche in der Abtei an kostbaren Handschriften und illuminieren diese. Der gestrenge Onkel Cellach sorgt sich vor allem um die Sicherheit der Bewohner und treibt sie zur Verstärkung der Mauern an. Horden gruseliger Wikinger verwüsten bereits das Land, morden und brandschatzen. Die Gefahr wächst.
Mit der Ankunft des Bruders Aidan, der Brendan in die Geheimnisse der Illumination initiiert, beginnt für Brendan eine aufregende Zeit. Aidan gelang als Einzigem die Flucht von seiner Heimatinsel, die bereits den Wikingern zum Opfer fiel. In dem Elfenmädchen Aisling, die sich auch in eine weiße Wölfin verwandeln kann, findet Brendan eine Freundin, mit der er im Wald herumtobt. Sie hilft ihm bei seinen Aufgaben und warnt ihn vor dem Schlangengott Kromm. Wie entscheidet sich Brendan, als die Wikinger vorm Holztor stehen?
Dieser Zeichentrickfilm erschafft eine wunderhübsche Welt mit einem ganz eignen visuellen Stil. Es wurden nicht nur keltische Muster und Sagen verwoben, sondern auch zeichnerische Perspektiven abgeflacht. Die Geschichte ist sowohl spannend für das Zielpublikum als auch sehenswert für Erwachsene, die darin viele mythologische Zitate finden werden. Mit stimmiger Musik und flottem Erzähltempo gelingt Regisseur Tomm Moore ein Kinoabenteuer, für das sich die sieben Jahre Produktion gelohnt haben.

Den Gläsernen Bären gewann allerdings der Kanadier Philippe Falardeau mit C’EST PAS MOI, JE LE JURE! Darin probiert Leon in den späten 1960ern allerlei Methoden des Suizids durch, um den Zusammenhalt seiner bröckligen Familie zu sichern. Allerdings zieht die Mutter nach einem Streit mit dem Vater kurzerhand weg von der Familie nach Griechenland. Auch der Priester weiß keinen Rat. Leon heckt mit der Nachbarstocher Lea Streiche aus und tobt durch die Felder. Lea hat blaue Flecke, da man sie prügelt. Aber sie kommt nach einer Weile gut mit Leon klar. Der Regisseur beschreibt ungemein unterhaltsam die psychischen Belastungen von Scheidungskindern. Einfallsreich und ungehemmt begibt sich Leon in Situationen, die seinen Eltern Kummer machen. Er wird Profilügner und erlebt mit Lea Abenteuer. Die Kinderjury befand diesen Film für hervorragend, obwohl er es in Kanada schwer hat.

Auch die im 14plus Programm platzierte deutsch-bosnische Koproduktion SNIJEG (SNOW) vor Aida Begic kann mit gelungener Erzählung punkten. Zwar ist das Thema der bosnischen Witwen und Töchter alles andere als leicht, aber mit einfühlsamen Charakterisierungen und vereinzelten fröhlichen Momenten erhält sich der mitunter etwas ruhige Nachkriegsfilm die nötige Aufmerksamkeit, ohne in ein trübsinniges Drama abzugleiten.
In einem kleinen bosnischen Dorf rackern sich Frauen ab, um die Obsternte zu Kompott zu verarbeiten. Die Frauen und Mädchen vermissen die Männer, die im Krieg von Serben abtransportiert wurden. Manchmal imitieren sie sie. Nur ein alter Imam blieb noch übrig und ein schweigsamer Waisenjunge, dessen Haare täglich lang wachsen.
Allerdings treten neue Männer in das Leben der Frauen. Ein Lastwagenfahrer bietet Alma an, ihre Waren zu transportieren. Er symbolisiert Hoffnung. Serbische Geschäftsmänner wollen das ganze Gebiet kaufen. Sie stehen für Gier und Macht. Dazwischen beginnen nun die aus ihren Routinen geweckten Frauen, über die Zukunft des Dorfes zu debattieren. Wollen sie ihre Heimat verlassen oder lieber mit ihrem Obst und Gemüse handeln? Die Erzählung erstreckt sich über ca. zwei Wochen, aber die Produktion dauerte fünf Jahre. Dem Film ist zu wünschen, dass viele Teenager emotional den Zugang zu den Traumatisierten finden. Die Augenweide Zana Marjanovic verkörpert die entschlossene Protagonistin Alma so authentisch, dass man SNIJEG allein schon wegen der Schauspielleistung empfehlen kann.

Alexis Dos Santos lässt in UNMADE BEDS zwei Jugendliche durch London kreiseln. Während Axl aus Spanien in eine WG kommt, um von dort aus seinen Vater im East End zu finden, amüsiert sich Vera aus Frankreich mit einem Fremden. Zu Beginn wacht Axl oft nach Partys in unbekannten Betten auf. Auch mit seinen Mitbewohnern, die zur Subkulturszene gehören, kommt es zu einem flotten Dreier unter Alkohol- und Drogeneinfluss.
Als er seinen Vater in einer drögen Immobilienfirma findet, gibt sich Axl als Student auf Wohnungssuche aus. Dadurch erfährt er bei Wohnungsbesichtigungen, dass sein Vater eine neue Familie hat. Vera sammelt Polaroids von Momenten und Orten, durchlebt Melancholie und erforscht ihre Gefühle. Erst ganz zum Ende des Films treffen sich die beiden bei einem Maskenball-Videodreh.
Die beachtliche und frische Schauspielleistung von Fernando Tielve und Déborah François sowie die unterhaltsame Geschichte werden von einer eindringlichen Handkameraführung getragen. Dabei gelingt dem Regisseur Dos Santos mehr als eine bloße Milieustudie. Seine Charaktere toben sich in der Musikkultur Londons aus und sind bis in die Nebenrollen gut besetzt.

Der Umgang Jugendlicher mit dem Medium Video wurde in zwei Beiträgen der 14plus Reihe thematisiert.
In AFTERSCHOOL von Antonio Campos sucht sich der Einzelgänger Robert als Freizeitbeschäftigung am Eliteinternat den Videokurs aus. Fortan läuft er mit einer Kamera herum, was nicht verwundert, konsumierte er doch bereits zu beginn Handyvideos von Prügeleien und Pornos aus dem Internet. Als dann zwei Mitschülerinnen an einer Überdosis Drogen vor seiner Kamera sterben, kommt ein wenig Aufruhe in die sedierte Oberschichtenschule. Robert schneidet dann ein besonderes Erinnerungsvideo zusammen, das dem Lehrer so missfällt, das er es von anderen Schülern in ein langweiliges und konventionelles Format umbauen lässt.
Durch zu lang geratene Stellszenen flacht die Dramaturgie bisweilen etwas ab, was dem Film schadet. Gerade wenn die visuellen Medien als Aufhänger für ein Teenagerdrama herangezogen werden, darf die filmische Auflösung und Bildkomposition nicht so uninspiriert wirken. Das jugendliche Zielpublikum störte sich jedoch kaum daran, weil es von der Festivalmaschinerie so überwältigt war.

Der Gläserne Bär wurde an MY SUICIDE von David Lee Miller vergeben. Ein anderer Einzelgänger kündet im Videokurs einer Kleinstadtschule an, seinen Selbstmord zu filmen. Damit zieht er viel Aufmerksamkeit auf sich und wird sogar verhaftet. Archie hat allerdings ein umfangreiches kleines Filmstudio zuhause im Gartenhaus und ist ein geschickter Videobastler. Er schneidet fortwährend solipsistische Collagen zusammen und bedauert seine Jungfräulichkeit. Da verwundert es im Filmverlauf dann nicht, dass er vom schönsten Mädchen der Schule entjungfert wird, die ihrerseits an Suizid denkt. Archie gerät an einen Psychologen, den er akzeptiert mit dem er sogar Matrix-Zitate durchspielt. Ein Großteil des mit Ideen und Anspielungen voll gestopften Films besteht aus Archies Schnipseln, in denen er die Vernachlässigung durch seine Eltern aufkocht und einen weisen Todespoeten glorifiziert. Leider steht der technischen und stilistischen Perfektion die Beschränktheit vor Archies Sujet gegenüber. Daher ermüden seine Filmchen schnell, in denen es hauptsächlich um ihn selbst geht und einige seiner Mitschüler. Deren Reaktionen arbeitet er zwar brav in seine Collagen ein, aber als sich dann ein Freund nach einer Party besoffen in der Turnhalle erhängt, reagiert Archie wie alle anderen recht erwartbar. Immerhin ruft er rechtzeitig den Krankenwagen, damit das schöne Mädchen nicht auch noch an der Überdosis Tabletten krepiert, die sie gerade schluckte.
Je besser man die Umstände kennen lernt, desto uninteressanter wird MY SUICIDE. Die Jugendjury sah das anders.

Aus dem 14plus Programm waren auch noch folgende Filme sehenswert: I TAKET LYSER STJÄRNORNA von Lisa Siwe über den Umgang eines Mädchens mit dem Sterben seiner Mutter an Krebs in Schweden und HET ZUSJE VAN KATIA von Mijke de Jong über die Tochter einer Prostituierten, die alleingelassen wird und an einen Straßenprediger in Holland gerät.

Was gab es im PANORAMA zu sehen? Besonders gelungen ist der dritte Teil der Geschichten um den österreichischen Ex-Kommissar Brenner. Mit DER KNOCHENMANN (siehe Rezension) hat sich Josef Hader in seiner Paraderolle noch weiter steigern können. So müssen Krimikomödien sein!
Starke Frauen liefern sich in SÓLO QUIERO CAMINAR (siehe Kritik) mit mexikanischen Kriminellen einen Schlagabtausch. In dem spannenden Actiondrama geht es um Rache und Macht. Die Damen können viel verkraften.
In EL NIÑO PEZ brilliert die junge Inés Efron als Tochter eines argentinischen Richters, die sich in das Hausmädchen Guayi verliebt. Ihre zärtliche Romanze wird jäh durch den Selbstmord des Vaters unterbrochen und verwandelt sich in einen Thriller. Die Entschlossenheit und Liebe der beiden Mädchen wird bis aufs Äußerste von den dramatischen Umständen getestet. Der Roman der Regisseurin Lucia Puenzo erschien als DAS FISCHKIND bei Wagenbach.
Die Erwartungen an Jan Henrik Stahlberg waren sehr hoch, als ich mir seinen neuen Film SHORT CUT TO HOLLYWOOD ansah. Schließlich begeisterte er einst mit seinen beiden Vorgängerfilmen MUXMÄUSCHENSTILL und BYE BYE BERLUSCONI auf der Berlinale das Publikum. Allerdings hat er sich in seinem Stil bereits jetzt festgefressen und kann mit der Geschichte des Versagers Johannes nur noch bedingt verblüffen. Sich zum Superstar in Amerika zu stilisieren, indem man seinen Selbstmord im Fernsehen ankündigt und sich vorher ein Arm und ein Bein amputieren lässt, mag ja witzig und medienkritisch sein. Dazu muss man nicht einmal singen können. Dass aber eine Liebesgeschichte mit der aparten Shannon die Freundschaft zu den Mitstreitern gefährdet, kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Mit extrem wenig Mitteln hatte das Filmteam sich viel vorgenommen und einen Roadmovie hergestellt. Zumindest den Versuch muss man anerkennen und die Mühe. Der Film wird vom Senator Verleih in die Kinos gebracht. Ob ihn das Publikum zum Kult kürt oder als Trash brandmarkt, bleibt abzuwarten.

Noch ein Wort zu den Kurzfilmen: Dieses Jahr konnte keiner der von Maike Mia Höhne zusammengestellten Programmblöcke mit den oft zu lang geratenen und faden Beiträgen wirklich begeistern. Nur der GENERATION MIX und die 14plus Auswahl unterhielten durchgängig.
Allerdings gingen die Preise dann doch an die Filme, die aus dem öden Mittelmaß herausragten. Der in Berlin lebende Ire David OReilly freute sich über den Goldenen Bären für PLEASE SAY SOMETHING. In diesem stilistisch sehr einfach aber effektiv gehaltenen Animationsfilm, der ohne jedwedes Budget am Heimcomputer entstand, durchlebt ein Paar aus Katz und Maus alle möglichen Situationen des Alltags. Da sie nur Piepsen, liefern die Untertitel die nötigen Informationen.
Daniel Elliott aus England zeigt in JADE einen Tag im Leben einer sehr jungen Frau, die gerade von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Wie geht sie damit um? Sagt sie es dem Freund oder ist gar ihr Boss auf dem Campingplatz der Vater? Für die verträumten Bilder der Küste und das überzeugende Schauspiel konnte JADE den Silbernen Bären ergattern.
Der Kinderjury gefiel BUDDHAS LÄCHELN am besten. Ein kleiner Junge irgendwo in der Steppe hat Süßmangel. Aber er traut sich nicht, die Schokolade vom Gabenteller des kleinen Buddha-Schreins in der Zimmerecke zu nehmen. Dann lenkt eine höhere Macht ein.
Sehenswert waren außerdem noch APHRODITE’S FARM, AKBULAK, PURE, DIE LEIDEN DES HERRN KARPF und BRONX PRINCESS.

Nächstes Jahr wird die Berlinale 60. Vielleicht veranstalte ich dann dort ein Kinokabaret und hole unverbrauchte Filmer in die Stadt, die wie ich kleine Kurzfilme in 3 Tagen machen können. Bestimmt wird sich das Festival noch weiter in den Besucherrekorden und Umsätzen steigern wollen, mehr Stars anlocken und überhaupt alles noch gigantischer planen. Womöglich entstehen in diesem Jahr in Deutschland auch mehr gute Studentenfilme, damit die PERSPEKTIVE nicht wieder so unterdurchschnittlich ausfällt wie jetzt.
So ein Mammut kann man ja nach Herzenslust frisieren. Der passende Fön wäre ein Windkanal.
 
Letzte Änderung:2009-02-27
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