Originaltitel:BERLINALE 2010
Deutscher Titel:BERLINALE 2010 Abschlussbericht
Land:Deutschland
Jahr:2010
Regie:verschiedene
Mit:Stars
Buch:Autoren
Produzent:Produzenten
Kamera:DOPs
Musik:Musiker
Dauer:
Der Film im Internet:

Die Produktionsfirma im Internet:http://www.berlinale.de
Kinostart:2010-02-10
Rezensent:Dave
Kontakt:
Quelle:rezension.net
 

EIN FESTIVAL DER SPARFLAMMEN

Berlinale Abschlussbericht 2010

 
Das war sie also, die sechzigste Berlinale. Ein rüstiges Mädchen, dem man stellenweise das Alter nicht anmerkte. Tapfer harrten die Autogrammjägerinnen im Schnee aus, um an Leo, Juliane, Moritz, oder Shah Rukh Kahn für Sekundenbruchteile auf Atemwolkennähe heran zu kommen. Artig absolvierten die zumeist unbekannten Schauspielerinnen und Produzenten die Rituale der Pressekonferenzen. Gedrängt lauschten die erwählten Jungfilmer beim Talent Campus den etablierten Medienschaffenden. Allerhand Bärenpreise und Ehrungen fanden ihre glücklichen Gewinner. Marlene Dietrichs Hologramm ließ sich mit Touristen vor ihrem neuen Ehrenstern fotografieren. Warteschlangen bevölkerten Kinos, Kassen und brandeten gegen Türsteher. Über 300.000 Karten erwarben die Cineasten. Das freut auch die Tourismusbranche der Hauptstadt.

Unsereins trieb sich wie immer in Kinos und Lounges herum, tauchte in Fiktionen ein, kritisierte, netzwerkelte und genoss die exquisiten Speisen bei Partys und Empfängen mit Aug und Gaumen. Cinematografische Kleinode wechselten sich mit Enttäuschungen ab; es gab viel Mittelmaß und mehrmals Langweiliges zu sehen. Wo manch Regisseur sein Werk mit Sprache überlastete, verzichteten andere auf Handlung und verweigerten sich dem Publikum mit Streifen, die weder unterhalten noch provozieren. Deshalb erwähnen wir sie nicht. Detailliertere Kritiken zu einzelnen Filmen findet man ebenfalls auf unserer Webseite.

Die Finanzkrise spiegelte sich in preisgünstigen, schlichten Familienthemen wider, welche das gesamte Programm dominierten. Was Direktor Kosslick als Errungenschaft hinstellte, war eigentlich nur eine Bilanz des Geldrückzugs aus der Filmwelt. 200 Filme weniger als im Vorjahr wurden gezeigt. Da halfen auch die gestylten Kellnerinnen, Kartenabreißerinnen und Eleganzverströmer nichts oder die wenigen BMWs des neuen Sponsors. Wo alle deutschen Fördertöpfe ausgeschöpft wurden, hielt sich der Applaus in Grenzen und Buhrufe wurden lauter (HENRY 4 und JUD SÜSS). Immer mehr Menschen begreifen, wie verfilzt die Filmförderung in diesem Land geworden ist und wer dort den Fuß in der Tür hat. Da verwundert es kaum, welche Stoffe von welchen Autoren bis an die Produzenten gelangen. Allerdings hat längst eine Demokratisierung der Filmerszene eingesetzt, die unabhängig von Förderung und Festivals funktioniert und den Hochschulnachwuchs aus der PERSPEKTIVE zunehmend fade aussehen lässt. Wie zum Trotz gönnte sich die Berlinale einige hochauflösende Digitalprojektionen, die mitunter abstürzten.

Schärfer als früher trennte man Pöbel und Presse von den VIPs. Das vorherrschende Gefühl war das der verpatzten Selektion: Einerseits wählten Kommissionen Filme und Talent Campus Teilnehmer aus, die Jurys kümmerten sich dann um Preise. Andererseits wirkte das Programm beliebig und wie eine Lotterie mit vielen Nieten. Zwar kann auch die Berlinale nur aus dem wählen, was eingereicht wird, aber sie hat inzwischen einen Eventcharakter angenommen, der jedem noch so schwierigen und öden Film ein volles Kino beschert und von der Kritik losgelöst existiert. Das freut jeden Filmemacher, wirft aber Fragen nach dem Zweck solcher Massenveranstaltungen auf. Bei Weltpremieren konnte sich das Publikum vor dem Kartenkauf keine Meinung bilden, da die Berlinale Presseembargos verhängte um die Filme wenigstens einen Tag lang zu schützen.

Die Berliner Filmfestspiele fächerten sich wie üblich in Sektionen auf, ohne dass diese allezeit klar zu unterscheiden wären. So liefen anstrengende Kunstfilme im Wettbewerb und vergnügliche Schmankerl im Panorama oder Generation Programm, welches im 14plus-Segment dennoch leicht schwächelte. Beim Treffen der kleineren Berliner Filmfeste (Festiwelt) zeigte sich: Man braucht längst nicht mehr auf den Februar zu warten, um seltene internationale Filme im Kino zu sehen. Ganzjährig widmen sich diese Festivals und Workshops wie das KINOKABARET den unterschiedlichsten Genres und Regionen, tragen brav zum Kulturüberangebot der Hauptstadt bei.

Während nun die roten Einwegteppiche im Stadtzentrum vom Boden gerissen und die Plakate eingerollt wurden, lohnt sich eine Rückschau auf Geflimmertes und Erlebtes.


Der türkische Beitrag BAL von Semih Kaplanoglu gewann im WETTBEWERB den goldenen Bären. Darin lernt ein kleiner Junge das Imkerhandwerk. Die Jury um Werner Herzog war davon begeistert. Kann man nun auf einen regulären Kinostart hoffen? Bisher reagierte das Publikum außerhalb der Festivals oft wenig auf Preisträger.
Leonardo DiCaprio spielt in SHUTTER ISLAND den Ermittler Teddy Daniels, der das Verschwinden der Insassin eines abgelegenen Hochsicherheitssanatoriums in den 50er Jahren untersucht. Dabei gerät er in eine Verschwörung, die ihn immer paranoider macht. Ben Kingsley leitet als Dr. Crawley die Einrichtung und Mark Ruffalo steht unserem Helden zunächst als Kollege Chuck zur Seite. Allmählich begreift man, dass man in einer vielschichtigen Projektion des Protagonisten gefangen ist. Wir teilen also seine Schizophrenie. Martin Scorsese als gern gesehener Gast auf der Berlinale sorgte mit seiner Besetzung immerhin für etwas Glamour.

EN GANSKE SNILL MANN von Hans Petter Moland wurde zum Publikumsliebling gekürt. Darin erlebt ein frisch entlassener Häftling abstruse sexuelle Abenteuer und muss sich den Geistern und Kumpanen der Vergangenheit stellen. Mit umwerfender Situationskomik und exzellentem Ensembleschauspiel gelingt diesem norwegischen Film um Stellan Skarsgård als Ulrik das fast Unmögliche: Die Kritiker lachen ebenso herzlich wie das normale Publikum. Das liegt sowohl am Timing des Drehbuchs als auch an der trockenen Erzählweise. Die Figuren haben alle mehr oder weniger gravierende Psychomacken, weshalb Ulrik mit seiner stoischen Art einen wunderbaren Kontrast erzeugt. Hut ab!

Die unerwarteten Gewaltausbrüche eines Polizisten in THE KILLER INSIDE ME erschüttern ein ansonsten ruhiges Städtchen. Jim Thompsons Romanklassiker von 1952 reizte den Dokumentarfilmer Michael Winterbottom anscheinend so sehr, dass er sein Genre wechselte. Er besetzte den Film mit einem charmanten aber gestörten Cassey Affleck und der sexhungrigen Jessica Alba. Das eigentlich Originelle an der Geschichte ist nicht die Gewalt gegen Frauen, sondern deren Reaktion darauf: Sie lassen es aus Liebe geschehen. Die Kritik reagierte verhalten.

Als die Kinder des Lesbenpaares Nic und Jules ihren biologischen Vater Paul kontaktieren, wird für kurze Zeit das Familienleben in Lisa Cholodenkos THE KIDS ARE ALRIGHT durcheinander gewirbelt. Pauls Überraschung verwandelt sich in Vatergefühle. Die Damen überschütten den Eindringling mit Höflichkeit und ein Techtelmechtel mit Jules verkompliziert die Situation. Das gefiel dem Publikum, gerade weil es nach dem Strickmuster amerikanischer Drehbücher verläuft.

Roman Polanski konnte sich seinen silbernen Bären für THE GHOST WRITER nicht selbst abholen. Darin entdeckt der Ersatzautor (Ewan McGregor), der auf einer amerikanischen Insel die Biografie des britischen Ex-Premierministers Lang (Pierce Brosnan) schreiben soll, mysteriöse Dokumente, die seinem Vorgänger zum Verhängnis wurden. Als Lang von einem früheren Kollegen der Kriegsverbrechen im Irak beschuldigt wird, dringen Demonstranten und Presse fast in das Anwesen ein und Lang fliegt nach Washington. Langs Frau (Olivia Williams) schläft derweil mit dem Ghostwriter, der seinerseits gefährliche Recherchen anstellt. Dieser Film legte bereits einen schwachen Kinostart hin. Abgesehen von den Stars und dem Ende reißt er nicht so richtig mit.


In der Abteilung BERLINALE SPECIAL beeindruckte der rekonstruierte Klassiker METROPOLIS (1927) von Fritz Lang auch dank hervorragendem Rundfunk-Sinfonieorchester. Die in Argentinien gefundenen Szenen mit dem „Schmalen“ (Fredersens Spion, gespielt von Fritz Rasp) und weiteren Zwischenschnitten sind von der Bildqualität zwar äußerst mitgenommen, runden aber die bisherige verstümmelte Version mit Humor ab. Was man im Kino per Digitalprojektion geboten bekommt, lässt einen die unbequeme Bestuhlung im Friedrichstadtpalast vergessen.
In einer von New York inspirierten futuristischen Stadt mit extremem sozialen Gefälle bastelt der Wissenschaftler Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) eine Maschinenfrau, der er das Aussehen der verträumten Heiligen Maria (Brigitte Helm) gibt. Freder (Gustav Fröhlich), der Sohn des Bürgermeisters, hat sich in diese verliebt. Eigentlich will Rotwang nur Hel, die verstorbene Frau des Stadtfürsten Fredersen, wiedererwecken, die er einst verehrte. Die blinzelnde Maschinenfrau (der Ur-Cyborg) verhext die Oberschicht und zettelt als Hure Babylon in der Arbeiterstadt eine Revolution an, bei der fast die Kinder der Arbeiterklasse ertrinken. Freder und Marie retten die Kinder und der Herz-Maschinist Grot (Heinrich George) verbrennt die Maschinenfrau auf dem Scheiterhaufen. Freder kämpft mit Rotwang und schmeißt ihn vom Kirchendach. Typische übertriebene Theatermimik aus der Stummfilm-Ära gesellt sich zu gigantischen Bauten und richtungsweisenden Filmtricks. Hinzu kommt dreimal die Botschaft des Films: Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein! Alle Figuren sind symbolische Archetypen und selbst die Totsünden mitsamt Sensenmann stopfte der Regisseur noch hinein. Das verschlang das dreifache geplante Budget und floppte in den Kinos 1927, weshalb der amerikanische Verleih ja die gekürzte Fassung zeigte.
Der Inhalt wird beim Publikum als bekannt vorausgesetzt, weshalb selbst der Berlinalekatalog nur auf die Geschichte der Filmrestaurierung des Klassikers eingeht.

Einen italienischen Regisseur mit Ladehemmung erlebt man im Musicalfilm NINE von Rob Marshall. Basierend auf Fellinis autobiographischem Film 8 ½ und dem Musical von 1982 langweilt uns dieser Streifen mit Spielhandlung, die ständig durch überflüssige Showeinlagen in einem Filmstudio unterbrochen wird. Umgeben von Sexgöttinnen, Mutterfiguren und Musen, befällt Guido (Daniel Day-Lewis) eine Schreibblockade. Sein wahnwitziger Produzent brachte einen Film namens ITALIA ins Rollen, ohne auch nur eine Drehbuchseite zu haben und will in 10 Tagen loslegen. Nacheinander absolvieren folgende Schauspielerinnen ihre Gesangs- und Tanzauftritte: Penélope Cruz, Marion Cotillard, Nicole Kidman, Judi Dench, Sophia Loren, Kate Hudson. Wieder einmal zähle ich nicht zum Zielpublikum und ärgere mich, dass ein Musical verfilmt wurde. Selbstreflektive Filmfilme gibt es zuhauf und nur die akzeptable Spielleistung der Stars hindert mich am Wegrennen.

Pünktlich zum 60. Geburtstag zeigt die Dokumentation SPUR DER BÄREN von Hans-Christoph Blumenberg die Entwicklung des mittlerweile größten deutschen Filmfestivals, das sich wacker in der Riege der A-Festivals wie Cannes und Venedig behauptet. Neben vergnüglichen Fakten, viel schwarzweiß Archivmaterial aus den frühen Jahren und Interviews mit Stars kommen auch die Probleme zur Sprache, die mitunter bis zur Auflösung von Jurys oder gar dem Festivalabbruch führten. Man zerrieb sich 1970 und 1979 über bestimmten Filmen und deren politischem wie künstlerischem Gehalt (siehe Langrezension).


In der Sektion GENERATION (Kinder- und Jugendfilmfest) gewann die Dokumentation NEUKÖLLN UNLIMITED von Agostino Imondi den gläsernen Bären der 14plus Jury. Darin rappen und tanzen die Geschwister Lial, Hassan und Maradonna sich durch den „Problembezirk“ und später bis nach Paris. Allerdings ist ihre Mutter Libanesin; ständig droht einem Teil der Familie die Abschiebung. Talentiert und diszipliniert aber vergeblich versuchen die Schüler Lial und Hassan neben ihrer Ausbildung mit ihrer Kunst Geld zu verdienen, damit die restlichen vier Geschwister und die von Transferleistungen lebende Mama bleiben dürfen. Die Protagonisten erinnern sich in Animationsfilmsequenzen an ihre erste nächtliche Ausweisung aus Deutschland vor einigen Jahren. Polizisten, Angst, Panikanfall der Mutter, Flughafen, Fahrt durch eine Wüste, trostlose Libanesen. Leider vergaßen die Filmemacher eine entscheidende Information: Wie genau gelangte die Familie zurück nach Berlin?
Auf der Feier nach dem Triumph sagte der junge Maradonna, solche Partys wären nichts für ihn. Er würde lieber zu hause beten. Man konnte ihn in einer islamischen Demonstration am Roten Rathaus vorbeimarschieren sehen und erlebte ihn im Film oft als verhaltensauffällig und suspendiert. Dem Zielpublikum, das weit über den Kreis der Migranten hinausgeht, gefiel diese beschwingte Doku besser als alle fiktionalen Beiträge. Wer ist deutsch? Wer darf über Familienschicksale entscheiden? Bald startet NEUKÖLLN UNLIMITED im Kino, was man nur begrüßen kann!

Weiterhin sehr sehenswert im Programm für junge Leute waren das koreanische Waisenheimdrama A BRAND NEW LIFE, der schwedische Alleingängerfilm SEBBE (siehe Rezension), die amerikanische Komödie ums komplizierte „erste Mal“ YOUTH IN REVOLT und der Zeichentrickfilm WELCOME TO THE SPACE SHOW, in dem ein paar Kinder wilde intergalaktische Abenteuer erleben.

Im dänischen SUPERBROR erlangt der autistische Junge Buller durch Kontakt mit einem außerirdischen Spielzeug Superkräfte, was seinen kleinen Bruder Anton mächtig freut. Dieser war bisher der Mann im Hause, da die Mutter allein erzieht. Endlich kann Buller die gemeinen Piesaker von Anton vermöbeln und mit der Familie nach Paris zum Eisessen fliegen.

Zu den gelungenen 14plus Kurzfilmen zählen: MEGAHEAVY, KISSING IN A FRIEND'S MOUTH, AZ BAD BEPORSID und ØNSKEBØRN.
Eher enttäuscht oder gelangweilt war man nach den Spielfilmen TE EXTRAÑO (I MISS YOU), THE FAMOUS AND THE DEAD und SISTER WELSH'S NIGHTS.


Die RETROSPEKTIVE hatte mit IM REICH DER SINNE (1976) einen „kontroversen Sexfilm“ im Programm. Dieser brachte dem FORUM-Gründer seinerzeit eine Sittlichkeitsklage ein. Darin schaut man tatsächlich einem japanischen Paar zu, wie es sich ununterbrochen der Lust hingebt, bis einer tot ist. So richtig erregte das Erwürgen zwar nicht, aber immerhin waren nackte Menschen beim Liebesspiel auf der Berlinale zu bestaunen. Das passierte natürlich auch in vielen anderen Filmen, war aber nirgendwo sonst Hauptthema.


Was gab es im PANORAMA neben den üblichen Gender-Filmen zu sehen?
Andy Serkis, der sich als Gollum und King Kong bei Peter Jackson profilierte, tritt ganz ohne Spezialeffekte und lediglich mit einem Hinkebein in SEX&DRUGS&ROCK&ROLL als Ian Dury auf. Diese flippige Biografie von Mat Whitecross nimmt es nicht so ganz genau mit der Wahrheit und bebildert das Leben eines exzentrischen englischen Sängers. Serkis gelingt dabei die Erschaffung einer zwiespältigen Figur, die einerseits verheiratet ist und einen Sohn zeugte, andererseits mit einer viel jüngeren Afrikanerin in einer langen Beziehung zusammenlebt und auch gerne Drogen konsumiert. Dury erlebt in der Punk-Ära mit seinen Bands sowohl Hochs als auch Tiefs. Er meisterte die Selbstinszenierung und scheitert an der Welt und seinen Süchten. Der Film springt wild in den Zeitebenen herum und zeigt einen Mann, der durch frühe Polioschädigung viel Häme einsteckte, bevor er zum Exzentriker wurde. Sehenswert.

Der Derwisch und Wunderheiler KOSMOS kommt in eine kleine türkisch-bulgarische Grenzstadt und rettet Leben. Er spricht die Krähensprache mit einem Mädchen. Ein Krieg tobt in Hörreichweite und viele alte Menschen suchen Kosmos auf. Als Dieb und Liebessucher eckt er aber auch an und wird wieder verjagt (siehe lange Rezension).

Das man aus Müll Kunst machen kann, beweist der Dokumentarfilm WASTE LAND von Lucy Walker. Der brasilianische Künstler Vik Muniz fotografiert Müllsortierer auf der größten Deponie der Welt in Rio de Janeiro. Dann projiziert er die Fotos in einer Halle auf den Boden und die Projektteilnehmer legen ihre Portaits mit kleinteiligen Müllobjekten nach. Zum Schluss fotografiert Muniz das Resultat und verkauft großformatige Abzüge davon bei Auktionen. Das Geld teilt er sich mit den stolzen Teilnehmern, deren Leben sich im Laufe der langen Aktion wandelte. Sie sehen sich im Museum an der Wand hängen. Im Film erlebt man, was es bedeutet, auf einer Deponie zu arbeiten und wie es sich im sozialen Abseits anfühlt. Auf Texttafeln liest man, was aus den Menschen wurde. Wermutstropfen: Muniz' Frau ließ sich wegen der ethisch fragwürdigen Aktion scheiden. Aber seine Kunst wird weiterhin im sechs-stelligen Bereich gehandelt.

Miguel Albaladejo wollte mit NACIDAS PARA SUFRIR (BORN TO SUFFER) einen Liebesfilm ohne Küsse drehen, in dem keine Liebesschwüre ausgesprochen werden. Dazu wählte er ein kleines spanisches Dorf und sehr alte Protagonistinnen. Flora (Petra Martinez) macht sich über ihr Erbe Sorgen. Sie will ihren Nichten nichts hinterlassen, weil sie sie zwar aufzog, aber die Nichten sie nun in ein Altenheim geben wollen. Daher heiratet Flora ihre Haushälterin Purita (Adriana Ozores), damit sie alles erbe. Im Dorf sorgt das für einigen Wirbel. Diese Komödie strotzt vor Situationskomik und bombardiert die Zuschauerin mit vielen Wortwechseln. Allerdings findet keinerlei Intimität statt und die Zuneigung der beiden Frauen wird auf harte Proben gestellt. Puritas eigene kränkelnde Mutter usurpiert schließlich Floras Haus und verfrachtet sie doch ins Altersheim. Kann Purita das wieder geradebiegen?

Am freundlichen Kurierfahrer Aoyagi gibt es wenig Auffälliges. Er rettete lediglich vor ein paar Jahren eine Popsängerin vor einem Dieb, weshalb er kurz in den Medien erschien. Unsanft erwacht Aoyagi jedoch aus seinem GOLDEN SLUMBER, als man ihm das Attentat auf den frisch gewählten Premierminister anhängt, das er mit einem Spielzeughubschrauber und einer Bombe verübt haben soll. Er kann sich aber nicht daran erinnern und flieht also vor der Polizei. Darf er seinen Freunden vertrauen und vermeiden, zum Sündenbock und Ziel einer fabrizierten Menschenjagd zu werden?
Mit 139 Minuten geriet dieser Actionfilm von Yoshihiro Nakamura zwar etwas lang, gewinnt aber zum Ende hin an Dynamik und überrascht mit einfallsreichen Fluchtmanövern des Helden. Auf seinem Weg bekommt er von unerwarteter Seite Hilfe und inszeniert seinerseits ein gehöriges Feuerwerk. Seine Paranoia überträgt sich zunehmend aufs Publikum und erzeugt die bei Berlinalefilmen so oft vermisste Spannung.

In BRÓDER von Jeferson De bekommt der verschuldete Macu unerwarteten Geburtstagsbesuch von seinen Freunden Jaiminho und Pibe, die beide aus der armen Vorstadt von São Paulo fortzogen. Sie fahren durch die alte Heimat und haben Spaß. Leider ist Macu in eine Entführung verwickelt, um seine Schulden zu bezahlen. Seine Schwester ist vom Fußballprofi Jaiminho schwanger und Pibe heiratete Macus Exfreundin. Als er nach einer Planänderung den viel wertvolleren Freund Jaiminho entführen soll, muss er die schwerste Entscheidung seines Lebens fällen.
Bemerkenswert ist nicht nur die Handlung und lebensnahe Schauspielleistung, sondern auch die langwierige Entstehungsgeschichte dieses brasilianischen Films. Die Vorführkopie konnte nach vielen Produktionsjahren nur erstellt werden, nachdem die Berlinale den Film ins Programm nahm. Erst jetzt wird er auch in seinem Entstehungsland in die Kinos kommen. Dementsprechend glücklich waren die angereisten Protagonisten mitsamt Produzentin.


Aktuelle Studentenfilme versammelte wie üblich die PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO. Die Bandbreite reicht von klassischem Erzählfilm bis zur Dokumentation. Allerdings ist bei Studentenfilmen zu beachten, dass sie nicht immer kinotauglich sind, weil sie oft Grundregeln der Unterhaltsamkeit und Spannungsbögen missachten oder sich mit unentschlossenen länglichen Experimenten vor dem Diplom noch einmal eine stilistische Auszeit schaffen. Die Studenten werden später in den Medienalltag der Soaps, Reportagen, Fernsehserien und Talkshows gesogen. Redakteure diktieren ihre Rahmenbedingungen. Alljährlich bilden die Filmschulen 66 Regisseure und noch viel mehr Kameraleute und Cutter aus. In zehn Jahren sind das schon 660. Die Bewerberzahl auf diese Ausbildung steigt beständig und führt zu unfassbar arroganten Auserwählten. Dieser unschöner Kampf um Ressourcen und Netzwerke prägt den gesamten Filmnachwuchs.
Ein Studienplatz bedeutet zwar einerseits Zugang zu feiner Filmtechnik, Expertenwissen und den Aufbau eines professionellen Netzwerks, füttert jedoch den audiovisuellen Markt beständig nur mit relativ angepassten Absolventen. Viele träumten von Kinofilmen und enden als Lakaien. Extrem wenige schaffen es dann, dauerhaft kommerziell erfolgreiche Unterhaltung mit künstlerischem Anspruch abzuliefern. Die in Deutschland im Verhältnis zu Amerika und den Filmwilligen unwahrscheinlich knappen Produktionsressourcen liegen fest in der Hand etablierter Firmen und Förderungen. Daran wird sich kaum etwas ändern. Die Sendeplätze für den Nachwuchs liegen meist in der Nacht, wo mit Einschaltquoten kaum zu rechnen ist.

In LEBENDKONTROLLE hat der Endzwanziger Mark einen Tag Freigang. Er willigt ein, der Tochter seines Zellengenossen ein Geldpacket zu bringen. Leider findet er sie nicht in einem Hotel vor sondern in einem Puff und wird von ihrem Luden verprügelt. Als er so bei seiner Freundin ankommt, regt sie sich auf. Aber er will einfach nur Sex, auch wenn sie nein sagt. Das ist der Tiefpunkt. Seinem Zellenkumpel jedoch erzählt er eine andere Geschichte, die keine Unruhe aufkommen lässt. Das überrascht und macht den Film rund!
Bildtechnisch sehr elegant umgesetzt gelingt diesem Halbstundendrama eine ordentliche Struktur mit Situationen, die sowohl aus dem Leben sind als auch der Steigerung, die das Genre verlangt. Eine Jury aus jungen Franzosen und Deutschen vergab dafür den Preis Dialogue en Perspective. Weshalb es den Organisatoren der PERSPEKTIVE bisher nicht gelang, einen finanzkräftigen Preisstifter zu finden, wurde bei der Verleihung ebensowenig erklärt wie die Frage, warum Franzosen den deutschen Nachwuchsfilm beurteilen sollen.

Ebenfalls von der HFF kommt WAGs. Hier sind die Bilder mit einer RED ONE Kamera gedreht worden und haben noch hübschere Farben. Zwei Fußballerfreundinnen lernen sich kennen und erleben eine abwechslungsreiche Zeit zusammen in Berlin, bevor ihre Freunde zu anderen Clubs wechseln. Die beiden leben im Luxus und langweilen sich. Dina (Vesela Kazakova) ist aus Bulgarien und möchte der jungen Judith (Sonja Gerhardt) Alternativen zum Nichtstun aufzeigen. Wie wäre es mit Mode, für die Judith ein Talent besitzt? Das Beste an dem Film ist die Auslassung langer Passagen über Fußball. Die Frauen bieten genug Kontrast für die 40 Minuten, sowohl vom Schauspiel als auch vom Typ.

Eine Hommage an Mad Max heißt THE BOY WHO WOULDN'T KILL von Linus de Paoli. Darin wird eine postapokalyptische Welt gezeigt, in der den überlebenden Menschen die Zivilisation ein wenig abhanden kam. Der wortkarge Anjo lebt mit seinen Eltern und der Schwester in einer schmutzigen kargen Hütte mitten in einer Wüste (Drehort Rüdersdorf) und träumt von einer Stadt. Er kann nicht mal ein Huhn köpfen, während der Vater geübt einen Räuber von seinem Motorad schießt. Anjo schleicht ins Räuberlager und stiehlt Benzin. Leider nimmt ihm ein anderer Landpirat das Gewehr ab und erschießt die Mutter. Anjo soll nun für den Vater Rache üben, bleibt aber dem Filmtitel treu.
Besonders gelungen ist neben Ausstattung, Besetzung und Kameraarbeit auch der Soundtrack von Felix Raffel. Der Film lebt von der Musik und kommt ohne große Dialoge aus, denn er vertraut den Bildern und dem kulturellen Gedächtnis an die Mad Max Trilogie. Man hat das Gefühl, dass eine Zusammenarbeit der HFF mit der DFFB zum Vorteil für das Publikum wird.

In HOLLYWOOD DRAMA erleben wir einen Schauspieler, der vollkommen in seiner Nazi-Rolle aufgeht und gar nicht merkt, dass sein Filmteam ganz woanders ist. Als sein Regisseur für diesen Film einen Preis gewinnt und beide nach Hollywood übersiedeln, bekommt unser Overactor plötzlich Bedenken, weil er eine alberne Szene in einem Gemüsekostüm spielen soll. Allerdings sollte er sich lieber um den Praktikanten sorgen, welcher vergaß, eine Nachricht an die Sicherheit im Filmstudio weiterzugeben.
Der Film vom sehr jungen Sergej Moya karikiert die Zustände und Befindlichkeiten von Filmleuten. Er arbeitet mit einigen Tricks und gewinnt die Sympathie des Publikums mit einem deftigen Ende.

Ein Frisör erzählt seiner greisen Kundschaft in GLEB'S FILM seine Drehbuchidee über eine Romanze der ungewöhnlichen Art. Diese verändert sich fortwährend in einer Dokumentation, die ausschließlich im Hamburger Salon stattfindet. Leider fesselt das kaum.

Mit FRAUENZIMMER widmet sich Saara Alla Waasner drei Prostituierten, die in Berlin ihre Kunden aus sehr verschiedenen Milieus bedienen. Die Damen sind allerdings schon Großmütter und chargieren zwischen ihren Rollen. Vom Sex bekommt man nur minimale Tonaufnahmen mit, denn es geht der Regisseurin um das Leben der Sexarbeiterinnen und ihre Motivation. Eine Domina und eine Hobbynutte werden mit einer Bordellbesitzerin verglichen. Auch diese Dokumentation findet kein rechtes Zentrum, weist erhebliche Längen auf und hat so gut wie keine Erotik zu bieten. Aber immerhin erreicht sie, dass man das Wort Sexarbeiterinnen verwendet.

Das Mädchen JESSI besucht die Mutter im Gefängnis und die Schwester auf dem Lande zum Geburtstag. Dann macht sie einen Ausflug alleine und wird von der Ziehmutter vermisst. Jessi entscheidet sich für eine gewagte Frisur. Ein sehr schweigsamer Film ohne Spannungsbogen, der einfach nur auf das Mädchen zeigt. Wenn nichts Besonderes passiert, wozu dann einen Film machen? Das möchte man die Regisseurin Mariejosephin Schneider von der DFFB fragen und den verantwortlichen Lehrern mehr Sorgfalt in der Dramaturgieausbildung empfehlen. Bitte testet diese Studienarbeiten an einem Publikum, das nicht aus den Filmteams und Verwandten besteht.

Dem schwierigen Thema der Kindstötung widmet sich NARBEN IM BETON. Eine mit drei Kindern schon überforderte Mutter in einem Plattenbau entsorgt ihr frisch geborenes viertes. Als der Vater wieder einziehen will, nachdem er eine Sexaffäre mit einer Nachbarin hatte, unterbindet Anna dies (siehe Rezension).

DIE HAUSHALTSHILFE Martina aus der Slowakei kümmert sich um eine Greisenpaar am Bodensee. Sie betreut den senilen und ans Bett gefesselten Max und erträgt seine garstige Frau Lore, einen rollenden Hausdrachen allererster Güte. Als Lore sich bei der Agentur wegen Nichtigkeiten beschwert, möchte Martina unbedingt fliehen. Das hohe Alter erschreckt uns in der Dokumentation von Anna Hoffmann. Ein gruseliger Blick in die eigene Zukunft, in der man von osteuropäischen Frauen gefüttert und gewickelt wird und zum Dank an ihnen herummäkelt.

In BEDWAYS scheitern drei junge Schauspieler daran, einen Film mit einer expliziten Sexszene zu drehen. Eins der Mädels soll eigentlich die Regisseurin abgeben, der partout nichts einfallen will. Stattdessen haben sie einfach nur so Sex bei den Probeaufnahmen und zeigen ihre Geschlechtsorgane in die Kamera. Bereits nach wenigen Minuten ödet der Inspirationsmangel der Figuren so sehr an, dass man an den Sexszenen keine Freude mehr hat. Da wünscht man sich eine Fassung um die sieben Minuten, aus der das Gelabere komplett herausgeschnitten wurde. Die achtzig Minuten Filmzeit lassen nur ein Fazit zu: Ab in den Giftschrank!


Kaum jemand, den man nach der Vorführung eines der fünf Programmblöcke der BERLINALE SHORTS ansprach, war wirklich durchweg begeistert. Man hatte das Gefühl, dass zunehmend lange und mitunter langweilige Kurzfilme aus den 1000 Einsendungen gewählt wurden. Kurzfilm als eigenständige Kunstform zu betrachten fällt schwerer, wenn immer wieder Werke gezeigt werden, deren Macher eigentlich später Spielfilme produzieren wollen. Dann ist man nur auf der Durchreise. Wieder hat man es vornehmlich mit Studenten- oder Absolventenfilmen zu tun. Die Regisseure gelangten eben allein durch die Beziehungen, die sie im Studium knüpften, an die Produktionsmittel. Wann öffnet sich die Berlinale endlich all den Filmemachern, die ohne Budgets und ohne Filmstudium Sehenswertes zu Wege bringen? Diese arbeiten aus Kostengründen natürlich mit Videokameras und können meist nur DVDs einreichen oder eben miniDV Bänder. Die Resultate haben dann eine Fernsehauflösung und sind weniger ausgeleuchtet. Aber dafür strotzen sie nur so vor Ideen.

Allerdings gab es auch Kleinode wie den verträumten Animationsfilm AKAI MORI NO UTA (THE SONG OF RED FORREST). Ein mythisches Wesen mit Menschenkörper und Rehkopf läuft mit einer Sitar durch den Dschungel. Es setzt sich hin und spielt eine Musik, die viele Tiere und Fabelwesen anlockt.

In einem Selbstexperiment namens UNPLAY schläft Joanna Rytel mit zwei Freunden und fragt sie, wie sie das finden. Man weiß nicht genau, ob das inszeniert ist. Der Film besteht nur aus einer Einstellung vom Stativ auf ein Bett und einem kurzen Gang durch eine Stadt zu einem Café.

Zum Gewinner des goldenen Kurzfilmbären HÄNDELSE VID BANK sowie zu DERBY, WO ICH BIN IST OBEN, GLUKHOTA und A PERM findet man jeweils detaillierte Kritiken auf unserer Webseite.

Mit dem gelben Mond hat ZUTI MJESEC nichts zu tun. Eine neue Nachbarin möchte sich schwangeren Lana vorstellen. Die Frauen machen Smalltalk in der Küche und kommen nicht richtig in Fahrt, aber dann teilen sie unter der Bettdecke ein Geheimnis, von dem der Zuschauer nichts erfährt. Da fragt man sich, wozu man den Film braucht. Muss also Kunst sein.

Der TUNNEL führt das Mädchen Elizabeth in Zimbabwe zurück in ihr Dorf, in dem sie ihren verschollenen Vater vermutet. Allerdings erfindet sie in der Geschichte, die sie den Soldaten erzählt, bestimmte Dinge hinzu. Immerhin hört ihr der Hauptmann zu. Wird er ihr Helfen, das Dorf von den Invasoren zu befreien?

Wieder einmal hat Jonas Odell ein Interview geführt und dann in TUSSILAGO zum Animationsfilm umgearbeitet. Der unverwechselbare und sehr aufwändige Collagenstil paart sich mit sehr schnellem Schwedisch, wobei meist weiße Untertitel auf weißem Grund kaum lesbar sind. Es geht um die Freundin eines deutschen RAF Mannes in Stockholm und die Zeit, die sie mit ihm verbrachte vor seiner Verhaftung und ihrer. Gewissermaßen gibt der Film ihr ein Stück Leben zurück, das sie wohl im Knast verbrachte. Die vorangegangenen Filme Odells hatten den Vorteil, dass mehrere Stimmen zu Worte kamen und die Themen erster Sex und Lüge beim Publikum stärker wirkten. Der nächste Film wird bestimmt wieder daran anknüpfen.

In COLIVIA bringt ein rumänischer Jungen eine verletzte Taube in die Wohnung. Lange zaudert der Vater, dem Tier zu helfen. Als er endlich einen Käfig besorgt, ist der Vogel weg. Noch ein Familienfilm.

Zitate aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ erklingen zu einer Flussfahrt irgendwo in Asien. Dieses Gewässer gleicht einer riesigen Müllhalde und manchmal baden sogar Kinder darin oder Fischen mit Netzen. Ascan Breuer nennt das Resultat dieser Abfallbesichtigung PARADISE LATER. Der Kontrast zwischen melancholischem Sprechtext und ekliger Landschaft mag Fragen zur Zivilisation, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung aufwerfen.

Der Belgier Nicolas Provost hat in LONG LIVE THE NEW FLESH Szenen aus Horrorfilmen wie Shining, Alien und Carrie zusammengeschnitten. Dann ließ er eine Software die Bilder ineinander morphen und den Sound verunstalten. Vorlage für die visuelle Veränderung sind Komprimierungsfehler von digtalem Filmmaterial. Man hat das oft im Internet, wenn Codecs nicht richtig funktionieren und die Pixel wild herumspringen. Als Resultat bekommt man eine Viertelstunde Schockerszenen, die mitunter bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Provost erhebt also das Digitalrauschen zur Kunstform und arbeitet sich an Monstern, Mord und Mutationen ab.


Eher Pech hatte ich mit meiner Auswahl im Bereich FORUM. Grundregeln des Spannungsaufbaus im Film werden bewusst negiert. Die Resultate schläfern oft ein und halten mich davon ab, mich eingehender mit dieser Festivalsektion zu befassen. Kunst, Didaktik, Alltagsdramen. Als unabhängier Filmemacher sollte dies eigentlich genau meine Sektion sein. Aber es gab Hoffnungsfunken im Sammelsurium des unabhängigen Kinos.

Yang Yonghi. eine Japanerin mit koreanischen Wurzeln, filmte über zehn Jahre hinweg ihre Nichte SONA, THE OTHER MYSELF. Diese Familienvideo zeigt, wie das Kind heranwächst aber die nordkoreanische Gesellschaft erstarrt. Die Einreise wird immer schwerer und Verwandte sterben irgendwann. Das fühlt sich so an, als hätte jemand aus West-Berlin seine Ostverwandtschaft in den 80ern gefilmt. Mit einfachsten Mitteln und viel Fleiß entstand ein emotionales Portait auch der Regisseurin selbst. Einer der wenigen Filme, die auf miniDV Kassetten gedreht wurden und es bis in die Berlinale schafften.

Der rumänische Geheimdienst Securitate jagte und vernichtete in den 50ern eine Gruppe Partisanen in den Bergen. PORTRAIT OF THE FIGHTER AS A YOUNG MAN von Constantin Popescu führt uns durch Wälder und Dörfer zu diesen Widerstandskämpfern, die sowohl zahlenmäßig als auch waffentechnisch stark unterlegen sind. Sie nutzen zwar das Gelände, werden aber einer nach dem Anderen geschnappt, gefoltert oder gleich erschossen. Sie opfern sich für eine Illusion der Freiheit und warten vergeblich auf amerikanische Hilfe. Während die Offiziere die Frauen der Kämpfer foltern, gefundenes Filmmaterial auswerten und eine irrsinnige Ideologie mit Gewalt durchsetzen, schwindet mit jedem Kameraden auch die Motivation der Waldkämpfer in den Karpaten. Die Luft ist leider aus dem Film dramaturgisch schon nach der Hälfte raus.

Im südindischen Bundesstaat Goa beaufsichtigt Vinayak in THE MAN BEYOND THE BRIDGE die Waldarbeiter. Eines Tages kommt eine Bettlerin zu dem Witwer. Er scheucht sie fort aber sie taucht wieder auf. Aus Mitleid wird schnell Liebe, was der Dorfgemeinde missfällt. Diese billigt lieber den Holzklau, damit ein Tempel gebaut werde. Irgendwann reißt Vinayaks Geduldsfaden und mit ihm die Brücke über den Fluss zum Wald. Noch einer dieser extrem ruhigen Filme, vor denen man viel Koffeinhaltiges getrunken haben sollte.

Der französische Flughafen ORLY ist die Kulisse für einige Dialoge Reisender. Obwohl die Bilder gut gemacht sind, langweilt dieser Film von Angela Schanelec bald. Alltagssituationen sollten irgendeine klar erkennbare Dramaturgie und Steigerung besitzen, damit sie filmwürdig werden. Zumindest, wenn man ein Festivalpublikum ansprechen will. Wundersam sind die Wege der deutschen Filmförderung.

So richtig fantastisch wirkt OUR FANTASTIC 21ST CENTURY von Ryu Hyung-ki nicht. Vielmehr erdrückt uns eine Stille um die Protagonistin Soo-young, die Regale einräumt und sich Videospielkonsolen abzweigt, damit sie Geld für eine überflüssige Schönheits-OP hat. Das mag als Sozialkritik präzise und wertvoll sein, unterhält aber im Kino kaum. Wenigstens einen minimalen Spannungsbogen bekommt Ryu hin, und baut winzige Humorszenen mit Kostümen ein. Obwohl man exakt im Zentrum der Zielgruppe sitzt, springt kaum Empathie zu den Figuren über.

Die Collage LA BOCA DEL LUPO gewann den Calligari Preis aber langweilte mit einer Erzählerstimme und Archivbildern aus Italien derart, dass ich es nur 15 Minuten ertrug.

 
Letzte Änderung:2010-03-10
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