Interpret:George Harrison und andere
Titel:The Concert For Bangla Desh
Verlag:George Harrison und Phil Spector, Apple Records
Jahr:1971 und 1991
Rezensent:Charly Kneffel
Kontakt:redaktion@rezension.net
Quelle:Rezension.net, www.rezension.net
 

Lange vor Band-Aid

Harrison, Shankar und Dylan musizierten für Bangla Desh

 
Die Legende zur Entstehung dieses Konzerts ist natürlich so kitschig wie das eben so ist und George Harrison, seit den 60er Jahren stark auf dem Indien-Trip und auch zum Hinduismus konvertiert, so weit man das kann, scheute sich auch nicht, die schmalzigen Töne gleich als Liedzeile zu verwenden: „My friend came to me with sadness in his eyes, said that he needed help, before his country dies.... (aus „Bangla Desh“), doch in diesen Fall darf man unterstellen, daß es auch genau so war. Dem gerade erst unabhängig gewordenen Staat Bangla Desh („Freies Bengalen“) war übel mitgespielt worden, die üblichen Katastrophen, die das Land regelmäßig bis heute erschüttern, waren durch politische Wirren, die schließlich zum großen Krieg führten, drastisch verschlimmert worden.

Als 1969 der pakistanische Präsident Yahya Khan, wie das Diktatoren zuweilen tun, auf die Idee kam, seine Herrschaft durch Wahlen demokratisch legitimieren zu wollen, war er eine Spur zu weit gegangen und die Wahlen erbrachten im weit entfernten Ost-Pakistan, das nur wegen der gemeinsamen muslimischen Religion bei der Teilung Indiens 1949 zu Pakistan gekommen war, aber ansonsten weder kulturell noch ethnisch irgendeine tragfähige Beziehung zu West-Pakistan hatte, eine absolute Mehrheit für die separatistische Awami-Liga unter dem charismatischen Scheich Muhjibur Rahman. Die (west) –pakistanische Regierung ließ es sich nicht nehmen, nach erfolglosen Verhandlungen eine Flotte um den ganzen indischen Subkontinent nach Ost-Pakistan zu schicken und militärisch das Land zu besetzen und Muhjibur Rahman gefangen zu nehmen. Sie hatte fast die gesamte Bevölkerung gegen sich und bekam das Land kaum unter Kontrolle. Schließlich intervenierte der „Große Bruder“ aus Indien, damals autoritär regiert von der Nehru-Tochter Indira Ghandi und beendete die pakistanische Herrschaft endgültig. Die Folgen des Krieges, insbesondere die Hungersnot und der krasse magel an Medikamenten in dem sowieso armen Land waren unerträglich. Deshalb, so will es die Legende, wandte sich Ravi Shankar, damals der bei weitem bekannteste Vertreter der traditionell indischen Musik in der westlichen Welt, an seinen alten Freund George Harrison mit der Bitte um Hilfe, die das Konzert, das gagenfrei am 1. August im traditionsreichen Madison Square Garden IN New York stattfand, erbringen sollte. Das hat, wie man später erfuhr, nicht funktioniert. Weniger die beteiligten Gaststars als die Plattenfirmen machten Schwierigkeiten und so musste Harrison, der es sich freilich leisten konnte, schließlich in seine Privatschatulle greifen, um den Bangla-Desh-Hilfsfonds zu unterstützen.

Musikalisch hatte das angekündigte Konzert große Erwartungen geweckt, als die ersten Namen bekannt wurden, vor allem der von Bob Dylan, der ja lange keine öffentlichen Konzerte mehr gegeben hatte, seit ihn ein Unfall für fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt hatte und er andererseits nach seinem ersten Auftritt mit Elektro-Gitarre in Newport ausgebuht worden war von enttäuschten Fans der „Protest-Musik-Szene“, die auf akustischen Puritanismus eingeschworen war. Und natürlich Harrison selbst. 1970 waren die Beatles offiziell aufgelöst worden, nun würden Harrison und Ringo Starr wieder zusammen als Musiker auftreten, nachdem Harrison schon vorher gelegentlich bei Lennons „Plastic Ono Band“ mitgemacht hatte. Immer noch gab es Hoffnungen auf eine baldige Wiedervereinigung der Fab Four, eine Hoffnung, die erst 1980 mit der Ermordung Lennons endgültig aufgegeben werden musste.

Ganz erfüllen konnte das Konzert die Erwartungen dann aber nicht, vor allem verglichen mit dem legendären Woodstock-Festival, das damals ja erst 2 Jahre zurücklag und auch mit Monterey (1966), dem ersten Meilenstein in der Geschichte der modernen Rock-Musik. Das Lag zum einen an der musikalisch doch sehr engen Besetzung in New York. Im grunde handelte es sich um das erweiterte Beatles-Umfeld, aber ohne die beiden, auf die es ankam, Lennon und McCartney. So waren Ravi Shankar, der Organist und Sänger Billy Preston, Harrison, Ringo Starr, Klaus Voormann, Eric Clapton, Leon Russel, Jesse Ed Davis und Carl Radle dabei. Natürlich als der große Gaststar Bob Dylan. Ringo Starr, der als nicht gerade überragender Drummer galt, wurde außerdem Jim Keltner beigegeben. Das tat den Trommeln gut. Doch irgendwie sprang der Funke nicht über.

Vielleicht lag das schon am Anfang. Inititator Ravi Shankar spielte über satte 15 Minuten „Bangla Dhun“, ein Sitar und Sarod -Duett. Zwar folgte das Publikum – wie seinerzeit schon in Monterey – seiner Bitte um „a little concentrated listening“, und der Beifall war gut, aber man tunlichst bezweifeln, ob die von Shankar, begleitet von Alla Rakah (Tablas), Ali Akhbar Khan (Sarod) und Kamala Chakravarty (Tamboura) instrumental vorgetragene Weise wirklich von diesem Rock-Publikum verstanden wurde. Zwar war die Sitar durch Harrisons Bemühungen („Love you to; Within you, without you) bekannt, aber Harrison hatte sie wie eine Gitarre mit fremdartigen Klang gespielt und dazu gesungen. Das war etwas anderes. Später der zweite Höhepunkt: Bob Dylan. Der spielte 5 Songs herunter. Gut, professionell, aber etwas leidenschaftslos: „A Hard Rain´s Gonna Fall“, „It takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry”, “Blowin´In The Wind”, “Mr. Tambourine Man” und “Just Like A Woman” waren aber schon damals Rock-Klassiker und bildeten zweifellos den musikalischen Höhepunkt des Prorgramms, dazwischen etwas Rahemnprogramm mit Billy Preston “That´s The Way God Planned It“, Ringo Starr, der sich mit „It Don´T Come easy“ erstaunlich gut hielt und das Leon-Russel-Doppel „Jumpin´Jack Flash“ und „Youngblood“, nicht schlecht, aber ersteren Titel hatte man nun mal von den Rolling Stones schon besser gehört. Dazwischen immer wieder George Harrison, der „Wah-Wah“, „My Sweet Lord“, „Awaiting On You All“, „Beware Of Darkness“, „While My Guitar Gently Weeps“, „Here Comes The Sun“, „Something“ und schließlich „Bangla Desh“ vortug. Einige davon waren sehr schöne Lieder und Harrison hatte eine sehr sanfte und sympathische Stimme, aber sie war auch reichlich dünne. Beifall bekam er, warum auch nicht, aber er erreichte nie die Qualität der Studio-Aufnahmen, auch ging seine penetrant-religiöse Propaganda, die den damals populären Hare-Krishna-Sekten in nichts nachstand, doch leicht auf die Nerven. Man muß also einige Abstriche machen, wenn man die Platte hört. Doch echte Harrison-Fans wird das nicht stören. Warum auch?
 
Letzte Änderung:2004-05-09
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