 |  | | Interpret: | Julia Lee |  | | Titel: | Julia Lee | | Verlag: | | | Jahr: | | | Rezensent: | Lothar A. Heinrich | | Kontakt: | redaktion@rezension.net | | Quelle: | Rezension.net, www.rezension.net | | |
| Julia Lee | Vom Boyfriend zum Sweetheart | | | Dass sie es musikalisch gekonnt hätte, darüber kann kein Zweifel bestehen, aber
für eine Rock 'n' Roll-Königin - oder was auch immer für Adelstitel den Stars
dieser doch eher plebejischen und fundamental-demokratischen Musik- und
Kulturrichtung verliehen wurden - war Julia Lee schon zu alt. Am 31. Oktober
1902 in Boonville, Missouri, geboren, starb die wohl bekannteste Jazz-, Blues-
und Rhythm and Blues- Pianistin und -Sängerin aus Kansas City am 8. Dezember
1958 in San Diego. Der R&R aber wurde im soziologischen Sinn erst um 1954
geboren. Julia Lee war in Kansas City aufgewachsen und hatte schon als Kind
zusammen mit einem Saiteninstrument-Trio ihres Vaters sowie bei Privatparties
und Veranstaltung ihrer Kirchengemeinde Musik gemacht. Als Pianistin und
Sängerin hauptberuflich tätig wurde sie 1917, zunächst im Ragtime-Stil als
Begleiterin der damals im Love's Theater laufenden Stummfilme und in den Clubs
entlang der 12th Street. Dort sang Kansas City's ehemaliger "Sweetheart of
Song" nun mit Vorliebe die "songs my mother taught me not to sing", sogenannte
Risqué-Songs. Wie weit diese überhaupt für das - überwiegend schwarze - Publikum
noch ,Doppeldeutig' waren, sei dahin gestellt.
Die musikalischen Grundlagen für ihren Erfolg in den 40er Jahren legte
sie als Pianistin im Orchester ihres Bruders George E. Lee. ,George E. Lee and
his Novelty Singing Orchestra' wurde um 1920 gegründet und der stärkste
Konkurrent des Bennie Moten Orchestra, einer weiteren sogenannten ,Territory
Band' aus Kansas City. In den 20er Jahren scheint Lee's Band nicht zuletzt dank
seiner und seiner Schwester gesanglichen Leistungen in der Stadt der größere Hit
gewesen zu sein. Das Orchester von Bennie Moten wurde nicht zuletzt iin der Jazz
Geschichte deshalb berühmter, weil es nach dem Tod ihres Leaders 1935 von Count
Basie übernommen und so zu einem der berühmtesten Swing Big Bands, eben dem
,Count Basie Orchestra' wurde. In 'George E. Lee's Novelty Singing Orchestra'
verdiente sich im übrigen eine Reihe später bekannter Jazzmusiker ihre ersten
Sporen, nicht zuletzt Charlie Parker, der wichtigste Saxophonist des Bebop in
den 40er Jahren. Julia arbeitete 15 Jahre lang im Orchester ihres Bruders bis
sie 1935 ihre Solokarriere startete.
Die Orchester aus Kansas City waren für die Entwicklung des Swing-Stils
der 30er Jahre von erstrangiger Bedeutung. Hier bildete sich der Riff-Stil
heraus, gekennzeichnet durch die permanente Wiederholung relativ kurzer aber
rhythmisch prägnanter Melodiephrasen als Rückgrat des übrigen musikalischen
Geschehens. Im ,Rhythm and Blues' und manchmal deutlicher noch im R&R wurde
später das musikalische Geschehen hinter dem Sänger oder Soloinstrumentalisten
oft tendenziell auf den Riff beschränkt.
In den 40er und 50er Jahren trat Julia in einer kleinen Besetzung als
,Julia Lee and her Boyfriends' auf und wurde in den Rhythm and Blues Charts
geführt. 1944 wurde sie im Rahmen der ,History of Jazz'-Reihe von Capitol
Records aufgenommen. Nachdem sie mit ,Come On Over To My House Baby' einen
echten Hit in den Jukeboxen und im Radio hatte landen können, gab die gleiche
Firme ihr 1946 einen Vertrag. 1947 stand sie mit ,Snatch It And Grab It' zwölf
Wochen lang auf Platz 1 der R&B Charts. Die Platte hatte eine halbe Million
Käufer gefunden - in dieser Zeit eine wirklich beachtenswerte Zahl. Zwei
Jahrespäter hielt sie neun Wochen lang den gleichen Platz mit ,King Size Papa'.
Im folgenden Jahr, 1949, spielte Julia Lee auf Einladung von US-Präsident Harry
Truman beim jährlichen Dinner der ,White House Correspondents Association' im
Weißen Haus in Washington D.C.. In der Liste der führenden US-Musikzeitschrift
,Billboard' stand sie auf Platz 12 der im Zeitraum von 1942 bis 1949 in Hinblick
auf die Plattenverkäufe erfolgreichsten R&B-Künstler - noch vor Dinah
Washington, Billy Eckstein, Wynonie Harris, Charles Brown oder Roy Milton. Ein
Jahr vor ihrem Tod hatte sie "sogar" eine kleine Rolle in dem von Robert Altman
in Kansas City gedrehten Film ,The Delinquence'.
In ihrer vier Jahrzehnte andauernden Karriere erarbeitete sich Julias
Lee den Ruif als eine der größten Bluessängerinnen überhaupt. Das mag erstaunen,
da sie heute nur noch Spezialisten bekannt ist. Einer der Gründe dafür dürfte
ihre ausgeprägte Reiseunlust gewesen sein, die sie weitgehend in Kansas City und
dem Mittleren Westen des Landes festhielt, und das zu einer Zeit, da weiträumige
Tourneen auch mangels Fernsehen unumgänglich waren. Sie aber hielt daran fest,
dass sie nur fliegen werde, wenn sie "mit einem Fuß am Boden bleibe". Weitere
Gründe dafür, dass sie bereits in den 50er Jahren ihre Erfolge des vergangenen
Jahrzehnts nicht wiederholen konnte, könnten diese sein: für die durch den
erstmaligen Durchbruch einer eigenständigen Jugendkultur (R&R) gekennzeichnete
Epoche war sie zu alt. Ihr musikalischer Stil war zu ,sanft', aber anders als
etwa Nat ,King' Cole verwandelte sie sich auch nicht in einen weiblichen
'Crooner', der auch den - weißen - Popmarkt bedienen konnte. Da sie auch kein
weiblicher Blues-Shouter war und auch abgesehen von ihrem Alter von ihrem
Klavierstuhl aus auch angesichts ihres verglichen etwa mit Jerry Lee Lewis oder
Little Richard kultivierten Klavierstils wenig Möglichkeiten für einen wilden
Stageact hatte, konnte sie den seit spätestens Mitte der 50er Jahre
vorherrschenden Massengeschmack nicht mehr bedienen. Auch die eindeutigen
Zweideutigkeiten vieler ihrer Texte (s. etwa ,Do You Want It?' oder ,Ugly Papa')
war nichts für die Teenyboppers des Nachkriegswirtschaftswunderbooms. Ihre
Kompositionen schließlich konnten es in Hinsicht auf Ohrwurmqualität nicht mit
denen des ihr musikalisch ansonsten so verwandten Jump Blues-Königs Louis
Jordan aufnehmen, der Nummer Eins auf der erwähnten R&B-Künstler Hitliste von
,Billboard'. In ihrer humorigen und entspannten Art bleibt sie jedoch eine
Künstlerin, die es lohnt, wiederzuentdecken. | | | | Letzte Änderung: | 2005-02-01 | | Bewertung: | | |  |  | |